Zur StartseiteMedizin-Welt / Dossiers / Die unaufgeklärte Generation
Aktuell

Teenager-Schwangerschaften:

DIE UNAUFGEKLÄRTE GENERATION
Die unaufgeklärte Generation

Noch nie wurde in Deutschland so viel aufgeklärt wie seit Ende der 60er Jahre. Damals begannen die Kultusminister, die Sexualaufklärung in den Schulen einzuführen. Jugendzeitschriften sind heute voll mit Geschichten über "das erste Mal". Andererseits gab es noch nie so viele schwangere Kinder und Jugendliche wie derzeit. Mediziner und Sexualpädagogen kennen die Ursachen: Sex sei zum Konsumartikel geworden. Kindern werde suggeriert, er gehöre zum Erwachsenwerden dazu wie Handy und Haare färben. Dadurch werde die Kindheit viel zu früh abgebrochen. Die Heranwachsenden überblickten die Tragweite ihres Tuns überhaupt nicht, und die Aufklärung sei trotz Verankerung in den Lehrplänen unzureichend und häufig auch lebensfremd.

So viele schwangere Kinder wie nie zuvor

MEDIZIN-WELT - Die 15jährige Regina B. (Name geändert) kann ihren Freund einfach nicht verstehen. Sie hat Liebeskummer der besonderen Art. In einem Brief an die bekannte Ärztin und Sexualpädagogin Dr. Gisela Gille von der Ärztlichen Gesellschaft zur Gesundheitsförderung der Frau (ÄGGF) schrieb sie über sein Verhalten: "Mein Freund und ich sind sehr verliebt und haben auch schon Petting gemacht. Ich bin einen ganzen Vormittag mit ihm auf dem Bett gelegen, und wir haben geschmust. Aber mein Freund ist immer nach ganz kurzer Zeit schon total erregt. Kann man denn da nichts machen?"

Für Dr. Gille ist dies kein Einzelfall. "Der Umgang mit dem Begehren der Jungen ist für Mädchen viel schwieriger als der Umgang mit ihrer eigenen Lust. Die Erregbarkeit paßt in der Pubertät bei den beiden Geschlechtern nicht wirklich zusammen. Kürzlich sagte mir eine Schülerin unumwunden, sie wäre so gern ein bißchen geiler. Dieses Mädchen hat das Problem durchaus erkannt."

Trotz aller Aufklärung wüßten die meisten jungen Mädchen heute noch immer nicht, wie Jungen ticken. Gille: "Sie wissen nicht, was in ihnen vorgeht, wie sehr sie erregbar sind, was dann abläuft. Das muß man ihnen vermitteln. Man muß ihnen klarmachen: Jungs sind spannend, Jungs sind toll, aber sie sind eben nicht wie Mädchen. Wenn Mädchen dies besser wüßten, könnten sie sich im sexuellen Bereich auch mit einer größeren Sicherheit bis an bestimmte Grenzen vorwagen - oder auch nicht. Die Jungs zu provozieren und sie dann stehen zu lassen und wegen ihrer Reaktion auch noch zu beschimpfen, ist nicht fair."

Teenager heute: freizügig, aber erschreckend naiv

Teenager heute: freizügig, aber erschreckend naiv
Teenager heute: freizügig, aber erschreckend naiv

Die Zeiten, in denen sich Mädchen für "den Richtigen bewahren" wollten, sind vorbei. Jungfräulichkeit hat kaum noch einen Stellenwert. Die moralischen Ansichten früherer Väter- und Müttergenerationen gehören der Vergangenheit an. "Wenn dich die bösen Buben locken, dann folge ihnen nicht" oder "Wenn dich erst mal einer hat, dann hat dich bald die ganze Stadt", sind Sprüche aus einer bürgerlichen Welt, die längst in Vergessenheit geraten sind. Die Mädchen fragen heute nicht mehr, wie lange soll ich Jungfrau bleiben, sondern, wann soll ich das erste Mal mit einem Jungen schlafen.

Wie eine Erfolgsgeschichte zog die BILD-Zeitung im September 2003 die Story eines frühreifen Mädchens auf. "Jenny ist 14 und hat schon mit zehn Jungs geschlafen" titelte das Blatt mit zweieinhalb Zentimeter großen Buchstaben. Das Mädchen wurde mit den Worten zitiert: "Ich nehm mir alles, was ich will." Ihre "Blitz-Beziehungs-Bilanz" wurde aufgelistet, vom ersten Zungenkuß mit elf bis zur Entjungferung mit 13. Der Autor schrieb: "Andere Mädchen in ihrem Alter zählen die Einträge in ihrem Poesie-Album, Jenny zählt die Männer, mit denen sie Sex hatte." Ihr Traum seien die Malediven. Palmen, Kristallwasser. Zum Thema Liebe hat man sie auch befragt. Ihre Antwort: "Mit 14 kann man doch noch gar nicht richtig lieben so wie unsere Eltern." Und am Ende bekennt sie schließlich: "Ich möchte eigentlich nur einen Mann, der mich so liebt, wie ich bin."

Zur gleichen Zeit, als BILD diese Geschichte einer unreifen Frühreifen veröffentlichte, gingen die neuesten Zahlen über ungewollte Schwangerschaften von Kindern durch die Medien. Ein Phänomen, das bis vor wenigen Jahren noch selten war. 1996 verzeichnete das Statistische Bundesamt noch keinen Schwangerschaftsabbruch bei einer Zehnjährigen. Im Jahr 2002 haben in Deutschland zwanzig Kinder im Alter von zehn Jahren ihr Kind abgetrieben.

Die Zahl der Abtreibungen bei den 10- bis 14jährigen Mädchen ist im gleichen Jahr bundesweit um insgesamt 9,3 Prozent auf 761 Fälle gestiegen. Seit 1996 hat sich die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche in dieser Altersgruppe mehr als verdoppelt. Während die Abtreibungen in Deutschland bei allen Schwangeren zusammen um 3,4 Prozent zurückgingen, haben sie also bei Kindern und Jugendlichen entgegen dem Trend sogar noch zugenommen. Schon jede zehnte Abtreibung bei Minderjährigen entfällt auf diese Altersgruppe der Zehn- bis Vierzehnjährigen.

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) hat in einer Erhebung 2001 festgestellt, daß 11 Prozent der 14jährigen, 25 Prozent der 15jährigen und 40 Prozent der 16jährigen Mädchen bereits Geschlechtsverkehr gehabt haben. Vor allem in den jüngeren Jahrgängen werde die Zahl der Mädchen mit Koitus-Erfahrung immer größer.

Die heranwachsende Generation mit ihrer freizügigen Einstellung zur Sexualität ist andererseits in einem kaum erwarteten Ausmaß unaufgeklärt. Die Geschäftsführerin von Pro-Familia in Rheinland-Pfalz, Barbara Zeh, hat bei ihrer Arbeit an Schulen erfahren, daß viele Kinder und Jugendliche tatsächlich glaubten, "beim ersten Mal passiert schon nichts." Dr. Gisela Gille berichtet gleiches aus ihren Gesprächen mit Schülerinnen. Es würden nicht selten Fragen wie diese gestellt. "Meine Regel ist jetzt schon zwei mal ausgeblieben. Kann man eigentlich beim ersten Mal gleich schwanger werden? Manche sagen ja, andere nein."

Die Aufklärung in den Schulen ist mangelhaft

Die Schulklasse als "Zwangsgemeinschaft" ist nach Ansicht des Kölner Pädagogen Professor Gerhard Glück der falsche Ort für Sexualerziehung. Er fordert daher ein völlig neues Konzept des Sexualunterrichts. Mit dieser Ansicht steht Glück keinesfalls allein, andere sagen es nur nicht so deutlich. Ein derart heikles Thema kann nach Ansicht des Pädagogen nicht zwangsverpflichtend behandelt werden. Sexualerziehung könne nur in frei gewählten Gruppen erfolgreich verlaufen, in denen die Schülerinnen und Schüler mit vertrauten Freunden und Klassenkameraden zusammenkommen. Der Unterricht sollte dabei aus dem Schulalltag mit seinem Leistungsdruck ausgegliedert und von anderen Lehrkräften als den Fachlehrern der Schüler geleitet werden. Als Notengeber stellten diese eher Gegner als Vertrauenspersonen für die Schüler dar.

Zum anderen seien deutsche Lehrer meist nicht ausreichend für die Sexualpädagogik ausgebildet. Es gebe nur wenige Weiterbildungsangebote in diesem Bereich und die vorhandenen behandelten hauptsächlich die Gefahrenthemen wie AIDS, Mißbrauch und Verhütung. Die Auseinandersetzung mit diesen Themen sei zwar notwendig, dürfe aber auf keinen Fall der Hauptaspekt einer Sexualerziehung sein, die Kinder und Jugendliche eigentlich auf ein gelungenes Sexualleben vorbereiten möchte.

Allen Experten, die sich mit der Betreuung und Aufklärung pubertierender Jugendlicher befassen, falle auf, wie wenig diese über die Zusammenhänge ihrer sich entwickelnden Körper wissen. Das gelte für die Mädchen genau so wie für die Jungen.

Mädchen wissen über ihren Körper und den weiblichen Zyklus nur wenig

"Teenager haben in unserer als aufgeklärt geltenden Zeit von ihrem Körper und ihre m Zyklus kaum eine Ahnung." - Das ist eine Beobachtung, die von den Expertinnen bei Aufklärungsveranstaltungen an Schulen immer wieder gemacht wird. Für die männlichen Heranwachsenden gelte dasselbe. "Die Jungen denken nur an Potenz und nicht an Fruchtbarkeit. Sie wissen nicht, daß bei jedem Orgasmus ein Ejakulat mit 500 Millionen Samenzellen ausgestoßen wird, und schon beim allerersten Mal eine Vaterschaft die Folge sein kann", so Dr. Gisela Gille. Zusammen mit 40 Kolleginnen hat die erfahrene Ärztin mit der von ihr geleiteten Organisation ÄGGF allein im Jahr 2002 auf insgesamt 2.378 Veranstaltungen mit fast 48.000 Schülerinnen und Schülern intensiv gesprochen - in Gruppen und vielen Einzelgesprächen.

Die Ärztinnen versuchen einen Teil der versäumten Aufklärung nachzuholen, den die Schulen, die Lehrer - eben auch wegen ihrer persönlichen Nähe - einfach nicht leisten können. Wie Prof. Glück vertreten die Expertinnen von der ÄGGF die Ansicht, daß eine reine Verhütungsberatung viel zu kurz greife. Es gehe eigentlich darum, die Mädchen mit der Entwicklung ihres sich verändernden Körpers vertraut zu machen, damit sie sich in der konkreten Situation des Zusammenseins mit dem anderen Geschlecht richtig verhalten können - sozusagen sachkundig sind. Und diese Aufklärung erfolge entweder gar nicht oder komme viel zu spät.

Kritik übt Dr. Gille daran, daß "oft Fragen beantwortet werden, die wenig praxisrelevant sind". Wenn ein Junge auf der Bettkante sitze, nütze es den Mädchen "herzlich wenig, über den Querschnitt der Geschlechtsorgane Bescheid zu wissen. In der Situation kommt es auf ein gesundes Selbstbewußtsein an. Viele Mädchen haben eigentlich gar kein Bedürfnis, mit einem Mann zu schlafen, wenn keine Liebe im Spiel ist. Man muß ihnen den Druck nehmen, der von außen kommt und der suggeriert, der Koitus gehöre einfach zum Erwachsenwerden."

Die Aufklärung erfolgt zu spät und ist oft lebensfremd

Wenn von Aufklärung die Rede sei, sollte man nicht immer in erster Linie nur an Verhütungsmaßnahmen denken, fordern viele Frauenärztinnen. Es gehe darum, die wirklichen Aufklärungsdefizite zu beheben. Den Mädchen zum Beispiel zu erklären, daß ihre Regel und das Gespräch darüber einen ganz wichtigen Vorgang für sie selbst und ihre Entwicklung betrifft.

Die ÄGGF-Vorsitzende Dr. Gille: "Jugendliche kommen heute immer früher in die Pubertät. Die Aufklärung trägt dieser Entwicklung nicht Rechnung. Sie müßte viel früher und viel umfassender erfolgen. Wenn die Hormone im Körper kreisen, erzeugen sie auch diffuse Sehnsuchtsgefühle. Davon haben die Jugendlichen aber selbst kein Bewußtsein, sie wissen nicht was mit ihnen passiert. Wir dürfen diese sehr jungen Jugendlichen mit ihrer Orientierungssuche nicht einfach alleine lassen."

Das, was in den sechziger und siebziger Jahren als sexuelle Revolution propagiert worden sei, bestehe hinsichtlich des Sexualverhaltens darin, daß Kinder "etwa drei Jahre früher mit Verabredungen, Küssen, Petting und Geschlechtsverkehr beginnen", lautet ein Fazit von Gille. "In der Konsequenz probieren viele Jugendliche vieles sehr früh aus." Doch verschiedenen Studien zufolge erlebten junge Mädchen heute Sexualität als weniger befriedigend und glücklich als früher. Das Vokabular, das sie benutzen, spreche, so Dr. Gille, nicht selten "von körperlichem Ekel und psychischer Überwältigung".

"Es wird oft über die falschen Themen gesprochen", hat Gisela Gille herausgefunden. "Die Mädchen wissen zwar, was ein Dildo ist oder was Analverkehr bedeutet, aber über ihren Körper und ihre Regel können sie nicht reden."

Sexualpädagogen und Gynäkologen sind sich einig: Man muß Jugendliche, die immer früher in die Pubertät kommen, tatsächlich auch früher über die Vorgänge in ihrem Körper und die möglichen Folgen eines Geschlechtsverkehrs aufklären. Die erste Regel bekämen nicht wenige Mädchen heute schon mit neun Jahren und somit in der vierten Grundschulklasse. Die Aufklärung trage dieser Entwicklung so gut wie keine Rechnung.

Die Aufklärung darf nicht mit der Verhütung beginnen

Dr. med. Elisabeth Raith-Paula ist Initiatorin und Leiterin des Projekts "Mädchen, Frauen, meine Tage" (MFM) und Autorin eines Buches mit dem Titel: " Was ist los in meinem Körper? Alles, was Mädchen über ihren Zyklus, ihre Tage und ihre Fruchtbarkeit wissen sollten." Sie leistet unter der Trägerschaft der süddeutschen Diözesen Aufklärungsarbeit bei Heranwachsenden. Ihre Arbeit versteht sie als " Präventionsprojekt für Mädchen in der Vorpubertät mit Einbindung der Mütter bzw. der Eltern."

Aufklärung sollte sich nicht auf Informationen zur Verhütung beschränken
Aufklärung sollte sich nicht auf Informationen zur Verhütung beschränken

Im Gespräch mit medizin texte berichtet sie: "Die Eltern sollten eigentlich in diesen schwierigen Zeiten der Pubertät zur Aufklärung ihrer Töchter beitragen. Aber darüber ist selbst bei den Müttern zu wenig Wissen vorhanden." Das deckt sich mit Erfahrungen von Elisabeth Gille: "Viele Frauen nehmen über 20 Jahre die Pille und wissen gar nicht, was dieses Medikament in ihrem Körper bewirkt." Unterhalb der Taille sei auch heute noch für viele Frauen und Mädchen "ein weißer Fleck".

Elisabeth Raith-Paula: "Die Mädchen in der neunten oder zehnten Klasse aufklären zu wollen kommt viel zu spät, wo doch manche Mädchen bereits in der vierten Klasse empfängnisfähig sind. Es ist wichtig, sie schon vor dem Eintritt der Geschlechtsreife in einer ihrem Alter entsprechenden liebevollen, anschaulichen Art und Weise mit den Veränderungen in ihrem Körper vertraut zu machen. Sie sollen die Fähigkeit Leben weiterzugeben als eine Kostbarkeit begreifen lernen. Erst auf dieser Grundlage wird es für sie möglich, verantwortungsvoll mit der Sexualität umzugehen. Denn nur was wir schätzen, werden wir auch schützen - das ist der Leitgedanke des MFM-Projektes."

Die Aufklärung dürfe nicht mit der Verhütung beginnen. Raith-Paula: "In den Zeiten, in denen die Mädchen ihren ersten Verkehr haben, ist es einfach zu spät. Da geht es dann nur noch um Verhütung, weil jetzt eben die Angst vor einer Schwangerschaft im Vordergrund steht. Diese Art der Aufklärung, losgelöst von dem Wissen über die körperliche Entwicklung, beschränkt sich nur noch darauf, von Gefahren zu reden. Aber eine Schwangerschaft ist ja im Prinzip keine Gefahr, keine Krankheit. Nur wer nicht weiß, was da entsteht, hat immer den fast ausschließlichen Eindruck von Gefährlichkeit. Es muß einleuchten, daß lange vor der Behandlung von Fragen der Verhütung bereits das Wissen über die Entwicklung der Mädchen hin auf ihre spätere Rolle als Frau erfolgen muß. Sie müssen ihren Körper verstehen, und das Wesen der Entstehung des Lebens, ehe es zum ersten Geschlechtskontakt kommt."

Hier setzt auch die Kritik der Leiterin des MFM-Projektes an. Raith-Paula: "In der an Schulen praktizierten Sexualaufklärung wird die Wertschätzung es eigenen Körpers sträflich vernachlässigt und alles auf den Schutz vor einer ungeplanten Schwangerschaft konzentriert."

Unter so vielversprechenden Titeln wie "Die leise Sprache meines Körpers" oder "Dem Geheimcode meines Körpers auf der Spur" hält Raith-Paula Seminare und Workshops mit jungen Mädchen, Studentinnen und Müttern ab. Das Zyklusgeschehen wird dabei in höchst eingängiger und anschaulicher Weise dargestellt. Spannend und zeitgemäß - als Show und Mitmach-Theater.

Diese Veranstaltungen sind sehr gefragt. Sie gehen allesamt von der Erkenntnis aus: "Die Art und Weise, wie Mädchen auf die körperlichen Veränderungen während der Pubertät vorbereitet werden, wirkt sich ganz besonders auf ihre spätere Einstellung zu Zyklusgeschehen, Frausein und Sexualität aus." Damit, so Raith-Paula, sei gemeint: "Wie ein Mädchen seinen eigenen Körper erlebt und bewertet, hat großen Einfluß auf ihr Selbstbild und ihr Selbstwertgefühl. Sich als Frau zu bejahen und die körperlichen Veränderungen in der Pubertät in positiver Weise zu erleben, ist eine ihrer entscheidenden Entwicklungsaufgaben."

Kinder trauen sich nicht mehr Kind zu sein - es kommt zu einem abrupten Beginn der Sexualität

Gestern noch mit Puppen gespielt, heute mit Pornovideos konfrontiert - viele Kinder werden von der allenthalben präsenten Sexualität in den Medien regelrecht überrumpelt. Die meisten haben, so die Beobachtung von Experten, kaum mehr die Chance, eine allmähliche Entwicklung ihrer erwachenden Sexualität zu erleben.

Als eines der Hauptprobleme für die Heranwachsenden bezeichnen Sexualpädagogen deren große Orientierungslosigkeit. Dr. Gille: "Sie haben alles gelesen, alles auf Video gesehen und können es nicht einordnen." Natürlich seien sie neugierig. Dabei unterschieden sie sich in nichts von früheren Generationen. Aber was den Sex angehe, sei die Gangart in der Gesellschaft generell erkennbar härter geworden. "Vieles von dem, was uns heute im Alltag an sexuellen Darstellungen umgibt, wäre vor 30 Jahren als anstößig und pornographisch verboten worden", erklärt Gisela Gille. "Diese ständige Überflutung erzeugt eine Art Hornhaut auf unserer Wahrnehmung. Das bedeutet, wenn Mädchen überhaupt noch als sexuelles Wesen registriert werden wollen, sind sie gezwungen, schon relativ provokant aufzutreten."

Es gäbe aber noch immer viele Mädchen, die nicht mit ihrer Frühentwicklung provozieren, sondern ganz viel Herzklopfen bekämen, wenn ihnen ein Junge gefalle. Das gelte umgekehrt auch für Jungen. Im Grunde wachse eine Generation mit den gleichen Sehnsüchten heran, wie es sie immer gegeben habe. Das Tragische sei , daß dies aber in unserer Zeit den Jugendlichen nicht mehr zugestanden werde. Dr. Gille: "Jugend ist heute im öffentlichen Urteil selbstbewußt, mobil, hemmungslos, enttabuisiert - so wie es halt auf der Loveparade zugeht. Aber daß die Teilnehmer an der Loveparade in der Regel Dreißigjährige sind, die spätpubertieren, das wird übersehen."

Es sei falsch anzunehmen, junge Mädchen wollten so früh wie möglich richtigen Sex, erklärt Gisela Gille. "Eine 13- oder 14jährige sucht einen Freund, möchte geliebt werden, möchte hören, daß sie schön ist. Daran zweifeln viele in diesem Alter. Sie suchen also Selbstbestätigung. Das hat eine stark narzistische Komponente. Sie wollen sich in jemandem anderen spiegeln, der sie liebt, der sie begehrt, bevorzugt natürlich in einem jungen Mann."

Und wie reagieren Mädchen und Jungen, wenn sie mit ausgefallenen Sexpraktiken konfrontiert werden - finden sie das nicht eher lächerlich und kichern darüber?

" Doch, das tun sie schon", berichtet Dr. Gille, "sie empfinden ja noch weitgehend natürlich. Vieles von dem, was sie aus den Medien über Sex vorgesetzt bekommen, amüsiert sie, aber verunsichert sie auch. Vielleicht ist es ja uncool, das nicht geil zu finden. Sex in allen Variationen gilt als ein Muß für Winnertypen. Und wer möchte denn nicht zu den Winnern gehören, wer ist schon gerne Verlierer in dieser Welt. Diesen Vorgaben können sich Jugendliche kaum entziehen."

Die ÄGGF-Vorsitzende: "Es geht Jugendlichen ja gar nicht nur um Spaß und das Ausloten von Grenzen zu jedem Preis. Sie spüren selber sehr gut, daß sie sich damit unter Umständen zu viel zumuten.. Reaktionen wie Sorge um die eigene Normalität, Selbstzweifel und Schüchternheit sind auch heute noch ganz normale Begleiterscheinungen der Pubertät, auch wenn Jugendlichen das offiziell kaum mehr zugebilligt wird."

Gruppendruck verführt viele Kinder zu frühem Sex

"Auf die Frage, wie viel Prozent der Gleichaltrigen wohl schon sexuelle Erfahrungen hatten, vermuten die Jugendlichen stets, daß dies ganz sicher bei mindestens 70 Prozent, wenn nicht gar 90 Prozent der Fall sein müßte. Da ist es dann nicht mehr weit bis zu dem Gefühl, ,alle außer mir'. Die realen, sehr viel niedrigeren Zahlen, wie sie die BZgA erhoben hat, werden stets ungläubig zur Kenntnis genommen."

Diese Beobachtung hat Dr. Gisela Gille häufig gemacht. Sie versucht bei ihren Gesprächen an den Schulen auch in Bezug auf solche falschen Annahmen aufzuklären. Und wie reagieren Mädchen auf die Informationen - sind sie wirklich überrascht? Gille : " Die Mädchen, mit denen ich spreche, sind erleichtert und froh, wenn sie das erfahren haben."

In den Medien ist Sexualität auf den Koitus fixiert

Das Bedürfnis, möglichst umfassend über all die Vorgänge informiert zu werden, die ihre erwachende Sexualität betreffen, ist in den Jahren der Pubertät besonders groß. Alles was sie an Aufklärung in Elternhaus und Schule nicht erfahren, suchen Jugendliche einerseits bei Gleichaltrigen oder Älteren und andererseits in den Medien. Da Zeitschriften und TV-Sendungen aber keinerlei pädagogischem Anspruch verpflichtet sind, sondern vorrangig die Auflagenhöhen und Einschaltquoten im Auge haben, beantworten sie auch alle Fragen, die Jugendliche niemals gestellt haben.

Sexualität werde dadurch zum wohlfeilen "Konsumartikel, das sexuelle Debüt zur Pflichtkür", kritisiert Dr. Gille. Das sei eine Situation, die alle Sexualpädagogen und ganz besonders die Eltern beklagen. In den Medien werde zudem die gesamte Bandbreite der Sexualität auf den Koitus eingeengt und fixiert. Den Kindern und Jugendlichen müsse es erscheinen, "als wäre dies der wichtigste Vorgang für Heranwachsende", sagt Dr. Gille. Es entstehe "die Suggestion, daß Sex heute zum Erwachsenwerden dazugehöre wie Handy oder Haare färben." Dadurch sei das Verhalten der heranwachsenden Generation stark geprägt.

Wenn die Mädchen immer wieder fragen, ab wann sie mit einem Jungen schlafen sollen, dann zeige sich daran, wie sehr diese Art von Aufklärung auf den Koitus gerichtet sei. Dr. Gille: "Das ist in meinen Augen eine Verklemmung mit umgekehrten Vorzeichen. Die Darstellung der Sexualität zielt fast ausschließlich auf die Penetration. Da geht furchtbar viel verloren, was eine allmähliche Entwicklung ermöglichen würde. Ein langsames sexuelles aufeinander Zugehen, sich gegenseitig entdecken, um sich zu verstehen. In einer solchen Entwicklungsphase würde auch viel mehr ausprobiert, was die Sexualität so schön und spannend macht. Aber da Sex vielfach zum reinen Konsumartikel gemacht wird, holen sich die Jugendlichen eben einfach die dazugehörigen Gebrauchsanleitungen, anstatt selbst auf Entdeckungsreise zu gehen. Deshalb weigere ich mich auch zu sagen, bis dann und dann ist es zu früh, mit einem Jungen zu schlafen, ab dann und dann ist es richtig. Dabei weiß ich sehr wohl, daß die Mädchen erleichtert wären, wenn ich zum Beispiel sagen würde, nicht vor 17, dann aber ja."

Eltern, die zur Sexualität schweigen, machen ganz entscheidende Fehler

"Wenn sich Eltern, denen der heutige lockere Umgang ihrer Kinder mit dem Thema Sexualität suspekt ist, aus Unsicherheit zurückhalten, suchen die Kinder ihre Informationen anderswo." Das ist eine Erfahrung, die Gisela Gille in ihren vielen Gesprächen mit Schülerinnen und Schülern gewonnen hat.

Daß eine solche Entwicklung sehr negativ für die Zukunft der Kinder sein kann, hat die BZgA ermittelt. Eine Folge sei zum Beispiel, daß Kinder, deren Eltern mit ihnen nicht über Sexualität sprechen, auffallend leichtfertig in Sachen Verhütung sind. Dort wo über Sexualität gesprochen werde, läge der Anteil der Kinder, die verhüten, weitaus höher. In einer Untersuchung heißt es dazu: "Die Differenzen zwischen Elternhäusern, in denen Sexualität generell und Verhütung speziell offen angesprochen werden, und Elternhäusern, bei denen diese Themen nicht kommuniziert werden, betragen bis zu 22 Prozent bei den Jungen und bis zu 15 Prozent bei den Mädchen."

Gisela Gille sagt dazu: "Wichtig ist es, sich nicht erst dann um das Kind kümmern zu wollen, wenn es zwölf oder 13 Jahre geworden ist, und alles schief zu laufen beginnt. Das ist viel zu spät, um ein Kind in seiner Entwicklung zu unterstützen. Richtig wäre es, vom Wickeltisch an für es da zu sein. Man muß über die ganzen Jahre eine gute Beziehung zu seinem Kind haben, muß es wichtig nehmen. Dann ist man nämlich als Eltern dem Kind auch wichtig. Und nur dann haben Kinder auch einen gewissen Respekt."

Auch wenn Kinder in der Pubertät die Meinungen der Eltern oft sehr grob zurückweisen, mache es durchaus Sinn, weiter mit ihnen zu reden. Gille: "Die Elternmeinung ist den Jugendlichen keineswegs egal, auch wenn sie immer nur widersprechen. Sie denken sehr wohl über das nach, was Mütter und Väter ihnen sagen. Das ist für sie eine ganz wichtige Richtschnur. Kinder brauchen diese Auseinandersetzung und Eltern sollten sie keineswegs scheuen, auch wenn es oft schwer auszuhalten ist. Der zweite große Einflußfaktor sind die Gleichaltrigen. Die Elternmeinung wird damit ergänzt, und so formt sich langsam eine eigene Meinung bei den Kindern und ein eigenes Verhalten."

Viele Kinder und Jugendliche achten nicht auf Verhütung

Nach Ansicht der meisten Sexualpädagogen und Ärzte sind viele Mädchen mit dem frühen "ersten Mal" ganz eindeutig überfordert. Viel zu oft sei das Ergebnis dann eine ungewollte Schwangerschaft. Die BZgA hat Zahlen ermittelt. Demnach ist eine Folge des frühen Einstiegsalters in die Sexualität, daß etwa 18 Prozent der 14- bis 15-jährigen Mädchen bei ihrem ersten Geschlechtsverkehr nicht verhüten".

Die BZgA hat auch herausgefunden, warum das so ist: 43 Prozent der Mädchen erklärten, es sei "zu spontan" passiert, 32 Prozent sagten, sie hätten die Pille vergessen, 28 Prozent meinten, "es wird schon nichts passieren". Bei knapp 20 Prozent waren Alkohol und Drogen im Spiel. 15 Prozent hatten kein Kondom griffbereit, 14 Prozent wollten "aufpassen" und zehn Prozent hatten sich in der Situation nicht getraut, den Geschlechtspartner auf Verhütung anzusprechen. Bei den Jungen lauten die Zahlen ganz ähnlich.

Teenager-Schwangerschaften folgen der Sozialstruktur

Den Sexualpädagoginnen, die Schülerinnen und Schüler betreuen und sie auf das Sexualleben vorbereiten, ist es seit längerem aufgefallen: die Häufigkeit ungewollter Schwangerschaften ist nicht gleichmäßig über alle soziale Schichten und über alle Bildungsstufen und Ausbildungsstände hinweg verteilt. Es gibt im Gegenteil auffallende Unterschiede.

Elisabeth Raith-Paula sagt über ihre Beobachtung zu solchen Unterschieden: "Es fällt immer wieder auf, daß Mädchen aus schwierigen sozialen Verhältnissen und mit einem niedrigen Bildungsstand, auch weniger über die Zusammenhänge von Zyklus und Empfängnis Bescheid wissen. Andererseits sind nach meinen Beobachtungen Hauptschülerinnen früher sexuell aktiv als Gymnasiastinnen. Bei vielen geschieht das erste Mal aus Unwissenheit, Leichtsinn, Neugier und auch aus einem gewissen Renommierstreben heraus. Sie wollen anscheinend zeigen, daß sie alles können, was Erwachsene auch können und alles wissen, was mit Sexualität zu tun hat. Sie suchen durch ihre Bereitschaft zum Sex wahrscheinlich die Anerkennung durch die Jungen, die ihnen ansonsten nicht zuteil wird. Die ungewollten Frühschwangerschaften bei den immer jüngeren Mädchen folgen so gesehen der Sozialstruktur."

Sehr ähnlich sind die Erkenntnisse von Dr. Gille: "Intelligente, sozial besser dastehende Mädchen mit höherer Bildung, lassen sich länger Zeit und werden somit auch seltener im Kindesalter schon schwanger. Die Dauer der Jungfräulichkeit folgt der Sozialstruktur. Es gibt durchaus Mädchen, die sich dem Konsumdruck zum möglichst frühen Sex entziehen. Sie sind in diesen Entwicklungsjahren oft in den Pferdeställen anzutreffen. Pferde sind die Lieblingstiere der Mädchen. Mit ihnen können sie schmusen, sie versorgen, Reiten dient der Körperertüchtigung und damit der Rückgewinnung eines positiven Körpergefühls . Solche Mädchen sind später auch für eine Beziehung stabil, übernehmen Verantwortung und wissen, was sie wollen."

Auch Ballettschulen und Musikunterricht seien in der schwierigen Zeit der Pubertät für Mädchen sehr beliebte Nischen, in die sie sich zurückzögen. Gisela Gille spricht von "Schonräumen", in denen Mädchen diese Periode der Unsicherheit gut überstehen können. Bei Jungen seien es Sportvereine und Feuerwehren, Bands und Gruppen, die technische Hobbies betreiben.

Manche Mädchen suchen in einer Schwangerschaft bewußt Anerkennung

Das Phänomen ist kaum bekannt und wird von Statistiken nicht extra erfaßt. Aber Experten wissen, daß sehr junge Mädchen keineswegs immer ungewollt schwanger werden. Manche suchen im Gegenteil durch ihre frühe Mutterschaft gezielt nach Anerkennung. Sie glauben, niemand könne dann mehr sagen, sie seien zu nichts nutze. Insgeheim hofften manche Mädchen darauf, daß sie sogar ein wenig bewundert werden.

Gisela Gille beschreibt den Typus der Mädchen, die schwanger werden wollen. Es sind demnach "se hr liebebedürftige junge Mädchen, oft aus desolaten familiären Verhältnissen. Sie haben den latenten Wunsch nach einer Beziehung, die immer da ist und nicht wieder wegläuft. Da besteht dann die kindliche Vorstellung, wenn ich ein Kind mit ihm habe, dann bin ich auch erwachsen, oder dann bleibt er auch bei mir. Mädchen, die beruflich ohne Perspektive sind, erfahren dadurch in ihrem eigenen Bewußtsein eine Art ,Wertsteigerung'."

Nach einer Untersuchung der BZgA haben zwei Prozent der 14-bis 17-jährigen Mädchen "aus gutem Grund", also absichtlich und gezielt, beim Geschlechtsverkehr auf Verhütung verzichtet, weil sie sich ein Kind wünschten.

Ursula Löcherbach und Daniela Veith vom "Sozialdienst Katholischer Frauen" (SKF) in Koblenz haben zu den Kinderwünschen von Kindern eigene Beobachtungen gemacht: "Wir hatten schon in unserer Beratung für minderjährige Schwangere oft den Eindruck, daß die Mädchen das total verklärt sehen. Sie träumen von der großen Freiheit, der eigenen Wohnung und daß sie nicht mehr zur Schule gehen müssen. Sie wollen mit einem Baby etwas für sich haben, etwas Eigenes, etwas zum Liebhaben. Mit einem Kind, denken sie, werden sie das alles bekommen."

Um den Mädchen die ganze Tragweite solcher Absichten bewußt zu machen, ermöglicht der SKF das "Baby auf Probe": Mit dem sogenannten Babysimulator wird eine Situation dargestellt, die ähnlich ist, wie sie sich auch nach erfolgter Geburt ergibt: Die Mädchen bekommen programmierte Puppen ausgehändigt. Sie sind 53 cm groß und wiegen etwa 3200 Gramm. Die Puppenbabys müssen gefüttert und gewickelt werden wie echte Neugeborene. Sie brauchen Streicheleinheiten und Körperwärme. Ob sie das alles bekommen, wird in einem automatischen Protokoll aufgezeichnet. Die Puppen sind so programmiert, daß sie regelmäßig schreien, wenn sie eine frische Windel und ein Fläschchen brauchen. Vier Tage und drei Nächte lang bekommen die Mädchen oder Jungen, die sich ein Kind wünschen, die Babysimulatoren mit nach Hause. Sie erleben, was es heißt mehrmals pro Nacht aufzustehen und das Kleine zu betreuen. Dabei lernen sie, daß es keineswegs romantisch ist, in jeder Minute des Tages und der Nacht für einen Säugling verantwortlich zu sein.

"Babybedenkzeit" heißt das Projekt, das der Sozialdienst Katholischer Frauen betreibt. Der SKF bietet dieses Projekt in Schulen an, seit sich in den jüngsten Jahrgängen die Schwangerschaften häufen und manche der Mütter gerade mal zehn oder zwölf Jahre alt sind.

Das Ergebnis ist durchaus vorhersagbar. Die Mädchen werden durch die Babysimulation sehr nachdenklich, so die Betreuerinnen beim SKF. Die allermeisten interessieren sich im Anschluß intensiv für Fragen der Verhütung und verschieben ihren Kinderwunsch lieber auf die Zeit nach ihrer Ausbildung.

Zum Seitenanfang

"Trotz aller Streitereien ist die Meinung der Eltern für Kinder eine unentbehrliche Richtschnur"

Dr. Gisela Gille von der "Ärztlichen Gesellschaft zur Gesundheitsförderung der Frau" über den abrupten Beginn der Sexualität und die Schwierigkeiten der Jugendlichen mit der Aufklärung und mit den Eltern.

Dr. Gisela Gille von der ÄGGF (Ärztliche Gesellschaft zur Gesundheitsförderung der Frau)
Dr. Gisela Gille von der ÄGGF (Ärztliche Gesellschaft zur Gesundheitsförderung der Frau)

MEDIZIN-WELT: Weshalb werden heute so viele sehr junge Mädchen schwanger? Eigentlich wurde doch noch nie so viel aufgeklärt wie in unserer Zeit.

Dr. Gisela Gille: Jugendliche kommen heute immer früher in die Pubertät. Die Aufklärung trägt dieser Entwicklung nicht Rechnung. Sie müßte viel früher und viel umfassender erfolgen. Wenn die Hormone im Körper kreisen, erzeugen sie auch diffuse Sehnsuchtsgefühle. Die reine Verhütungsberatung greift zu kurz. Es geht viel mehr darum, die Jugendlichen mit der Entwicklung ihres sich verändernden Körpers vertraut zu machen, damit sie sich mit sich auskennen und sich dann auch in der konkreten Situation des Zusammenseins mit dem anderen Geschlecht richtig verhalten können.

MW: Die Mädchen lesen ja auch Jugendzeitschriften. Werden sie da nicht aufgeklärt?

Gille: Da wird meist nur über den reinen Sex geschrieben. Eine Lehrerin sagte mir neulich: Die Jugendlichen wissen heute, wie man angekettet im Kopfstand zum Orgasmus kommt. Aber sie haben von ihrem Körper und ihrem Zyklus nur wenig konkrete Vorstellungen. Vieles von dem, was sie aus den Medien über Sex vorgesetzt bekommen, amüsiert sie und verunsichert sie zugleich. Vielleicht ist es ja uncool, das nicht geil zu finden. Sex in allen Variationen gilt als ein Muß für "Winnertypen". Und wer möchte denn nicht dazu gehören? Die Prämissen für Winner lauten: Immer mehr und immer ausgefallener. Dem können sich ja selbst Erwachsene oft nicht entziehen, geschweige denn Jugendliche.

MW: Handelt es sich bei dieser Art "Aufklärung" also eher um Desorientierung?

Gille: Jugendliche leiden an einer großen Orientierungslosigkeit. Sie haben alles gelesen, alles auf Video gesehen, und können es nicht einordnen. Eltern und Lehrer sind da meist auch in einer schwierigen Situation, weil Jugendliche sich mit ihren Fragen nahestehenden Personen gegenüber oft zurückziehen - das ist ein Teil des Ablöseprozesses. Unsere Arbeit an den Schulen ist genau darauf gerichtet, wir kommen mit einer professionellen Distanz von außen, was die Jugendlichen sehr schätzen, und wir versuchen Orientierung zu geben. Unsere Aufgabe sehen wir darin, die wirklichen Aufklärungsdefizite zu beheben. Den Mädchen erklären wir zum Beispiel die zyklischen Vorgänge im weiblichen Körper und ihre Regel als einen ganz wichtigen Vorgang für sie selbst und ihre Entwicklung. Mädchen setzen sich sehr intensiv mit ihrem Körper auseinander und brauchen Unterstützung. Und natürlich geht es um Empfängnisverhütung und um sexuell übertragbare Krankheiten. Jugendliche haben ein Anrecht darauf, sich damit auszukennen.

MW: Wie können Eltern ihren Kindern helfen?

Gille: Wichtig ist es, sich nicht erst dann um das Kind kümmern zu wollen, wenn es zwölf oder 13 geworden ist, und alles beginnt, schief zu laufen. Das ist viel zu spät, um ein Kind in seiner Entwicklung zu unterstützen. Man muß über die ganzen Jahre eine gute Beziehung zu seinem Kind haben, muß es wichtig nehmen. Dann ist man als Eltern dem Kind auch wichtig. Nur dann haben Kinder auch einen gewissen Respekt.

MW: Dennoch entfernen sie sich von ihren Eltern, und wo sie landen, ist nur schwer beeinflußbar.

Gille: Das ist zum Teil richtig. Aber die Pubertät ist ja nun auch nicht per se eine Katastrophe. Wenn man frühzeitig Neigungen und Fähigkeiten fördert, dann besteht kaum die Gefahr, daß die Kinder mutter- und vaterseelenallein auf der Straße rumhängen. Jedes Kind hat Interessen, die man fördern kann, von der Musik über Pferde, Feuerwehr, Sport bis Ballett oder den Forscherdrang auf verschiedenen Gebieten.

"Wenn man ein Kind respektlos behandelt, zieht es sich zurück"

MW: Kinder weisen aber doch in der Pubertät die Meinungen der Eltern oft sehr grob zurück. Macht es da überhaupt Sinn, mit ihnen zu reden?

Gille: Die Elternmeinung ist den Jugendlichen keineswegs egal, auch wenn sie widersprechen. Sie denken sehr wohl über das nach, was Mütter und Väter ihnen sagen. Das ist für sie eine wichtige Richtschnur. Kinder brauchen diese Auseinandersetzung, und Eltern sollten sie keineswegs scheuen, auch wenn es oft kaum auszuhalten ist. Der zweite große Einflußfaktor sind die Gleichaltrigen. Die Elternmeinung wird damit ergänzt und so formt sich eine eigene Meinung bei den Kindern und eigenes Verhalten.

MW: Ohne Vertrauen und Respekt geht es also nicht?

Gille: Wenn man ein Kind respektlos behandelt, zieht es sich zurück. Wenn man bei Jungs Glück hat, finden sie in eine Gruppe hinein, einen Sportverein zum Beispiel. Jungensozialisation läuft in Gruppen ab. Mann werden heißt für die Jungs, stark zu werden. So ein 13Jähriger allein ist alles andere als stark. Er hängt in Wahrheit wie ein Schluck Wasser in der Kurve, auch wenn er sich stark gebärdet. Deshalb rotten sich Jungs zusammen. Gemeinsam sind sie stark. Dabei ist es wichtig, daß sie, wie im Verein zum Beispiel, unter Anleitung Älterer stehen.

MW: Und wie ist es bei Mädchen?

Gille: Die haben ihre beste Freundin. Bei vielen besteht auch noch sehr lange ein guter Kontakt zur Mutter oder zur großen Schwester. Mädchen sind ja sehr beziehungsstark, aber auch beziehungsbedürftig. Das müssen Jungs meist erst lernen. Mir hat kürzlich ein junger Mann gesagt: "Bumsen konnte ich allein, aber lieben habe ich erst von meiner Freundin gelernt." Es gibt die Sehnsucht nach konservativen Werten wie Liebe, Treue und auch Familie. Da ist eine gegenläufige Bewegung zu erkennen, nach all der Überbewertung des rein Sexuellen. Trotzdem finden Jungen oft über Sex zur Liebe, während Mädchen meist über die Liebe zum Sex finden.

MW: Was sind die häufigsten Fragen, die Ihnen bei Ihren Veranstaltungen an den Schulen von den jungen Mädchen gestellt werden?

Gille: Ab wann soll ich mit einem Jungen schlafen? Meine Mutter sagt, ich bin noch zu jung, um mit einem Jungen zu schlafen, was heißt das? Warum wollen Jungs immer nur mit einem schlafen? Haben Jungs mehr Hormone als Mädchen? Was mögen Jungs eigentlich sonst, wenn man mit ihnen geht? Wie funktioniert die Pille? Sie wollen außerdem immer wieder wissen, wofür sie ein Jungfernhäutchen haben, ob sie sich mit einem Tampon entjungfern und was passiert, wenn der Faden reißt.

Das Dossier zum Ausdrucken und Archivieren »
Lesen Sie das Dossier auf Ihrem PDA »
Dieses Dossier weiterempfehlen »

Der Autor

Sie erreichen Hans Wagner unter h.wagner@medizin-welt.info.

Die Texte, die in MEDIZIN-WELT veröffentlicht werden, sind sorgfältig erarbeitet. Dennoch erfolgen alle Angaben ohne Gewähr. Weder Autoren noch Verlag können für eventuelle Nachteile oder Schäden, die aus den in MEDIZIN-WELT-Beiträgen gemachten theoretischen und praktischen Hinweisen resultieren, eine Haftung übernehmen.

 

Zum Thema

PDF-DukumentDas Dossier zum Ausdrucken und archivieren (PDF)
---------------------
Dokument für PALM HandheldsLesen Sie das Dossier auf Ihrem PDA
---------------------
Empfehlen Sie dieses Dossier weiter


Informationen im Netz
---------------------
- www.aeggf.de
-
www.mfm-projekt.de
-
www.skf-koblenz.de
-
www.bzga.de

Literatur
---------------------
Dr. med. Elisabeth Raith-Paula "Was ist los in meinem Körper?", Droemer-Knaur, München 2003, 128 S., ISBN 3-629-01288-4.


#Seitenanfang