Jeder zweite Deutsche hat eine kranke Schilddrüse ohne es zu wissen. Die Folgen sind erschreckend.
03.03.2005
MEDIZIN-WELT -- Die Schilddrüse (lateinisch: Glandula thyreoidea) ist zwar viel kleiner, aber für den menschlichen Organismus genauso wichtig wie das Herz. Die von ihr produzierten Hormone beeinflussen die gesamte körperliche Entwicklung. Und sogar die seelische Verfassung hängt wesentlich von der Funktion der Schilddrüse ab.
Jeder zweite Deutsche über 50 Jahre hat ein Schilddrüsenproblem. Jahr für Jahr entstehen dadurch Behandlungskosten von ein bis zwei Milliarden Euro. Dennoch weigern sich die gesetzlichen Krankenkassen noch immer, preiswerte Vorsorgeuntersuchungen für ihre Mitglieder in Höhe von rund 100 Euro pro Person zu übernehmen. Dies kritisiert Prof. Dr. Christoph Reiners, Direktor der Klinik und Poliklinik für Nuklearmedizin an der Universität Würzburg im MEDIZIN-WELT-Dossier "Die Schilddrüse - das vernachlässigte Organ". Reiners war federführend an der „Papillon-Aktion“ beteiligt, der größten Bestandsaufnahme von Schilddrüsenkrankheiten, die je in Deutschland durchgeführt wurde und deren Ergebnisse jetzt veröffentlicht werden.
„Es gibt in Deutschland weder von den Fachgesellschaften noch von den Krankenkassen Programme, die der Prävention und dem Screening, also der Früherkennung, dienen könnten. Das ist sehr bedauerlich“, erklärt Prof. Reiners in der MEDIZIN-WELT. Er verweist in seinem ausführlichen Interview auf die teils verheerenden Folgen vieler Schilddrüsenerkrankungen, die chronische Leiden und lebensbedrohliche Zustände auslösen könnten.
Gefährliche Herzkrankheiten, Depressionen, Bluthochdruck, Haarausfall, Unfruchtbarkeit – häufig stecken unerkannte Schilddrüsendefekte dahinter
Kaum jemand ahne, daß Schweißausbrüche, Schlafstörungen, Gereiztheit, Bluthochdruck, Herzrhythmusstörungen, aber auch Lustlosigkeit bis hin zur Depression, aufgequollenes Unterhautgewebe, Haarausfall, unerklärliche Gewichtsveränderungen usw. die Folge von Schilddrüsenstörungen sein könnten. Auch viele unerfüllte Kinderwünsche gingen auf ihr Konto.
Selbst durch Zufall entdeckte Schilddrüsendefekte würden hierzulande nur selten eine Behandlung erfahren. Etwa wenn bei Ultraschalluntersuchungen zur Halsschlagaderdurchblutung krankhafte Veränderungen der Schilddrüse entdeckt würden. Solche Patienten müßten laut Reiners „unbedingt zu einem Experten geschickt werden. Aber das unterbleibt leider noch viel zu oft.“ Es läge nicht zuletzt daran, „daß die endokrinologische Ausbildung bei Medizinern in der Vergangenheit zu kurz gekommen“ sei.
In den USA gäbe es dagegen vorbeugende Blutuntersuchungen, obwohl dort kein Jodmangel herrsche, der in Deutschland Hauptgrund für die vielen Schilddrüsendefekte sei. Solche Blutuntersuchungen (TSH-Tests) zur Feststellung der Hormone, die steuernd auf die Schilddrüse einwirken, „wären für Deutschland dringend erforderlich“, so Reiners.
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