Jede vierte Zahnspange wird von einem Erwachsenen getragen

Jede vierte Zahnspange wird von einem Erwachsenen getragen

Der Experte Dr. Michael Konik von der Gemeinschaftspraxis für Kieferorthopädie  im baden-württembergischen  Weinstadt- Endersbach berichtet im Interview mit MEDIZIN-WELT über die neuesten Entwicklungen bei Zahnspangen für Erwachsene.  

Zahnspangen sind nicht auffälliger als Kontaktlinsen 

Bis vor 20 Jahren waren schiefe Zähne noch weit verbreitet. Heute, im Medienzeitalter, wollen alle Menschen gut aussehen. Makellose Zähne dienen nicht nur der Gesundheit, sondern sind karrierefördernd. Dass viele noch im Erwachsenenalter Zahnkorrekturen durchführen lassen, liegt auch daran, dass Zahnspangen heute nicht mehr auffälliger sind als Kontaktlinsen.

Die Apparaturen zur Gebisskorrektur werden immer kleiner und weniger sichtbar. Ein schönes Gebiss herzustellen geht bei Erwachsenen sogar schneller als bei Kindern. Viele Prominente weltweit strahlen auch deshalb so zwanglos in jede Kamera, weil eine gute kieferorthopädische Praxis bei ihnen für ein makelloses Gebiss gesorgt hat. Kein Wunder, dass heute Kiefer- und Gebissregulierungen mit Zahnspangen schon so selbstverständlich geworden sind wie der Gang ins Fitness-Studio.

Dr. Michael Konik (Foto: Konik). Sie erreichen Dr. Michael Konik in der Gemeinschaftspraxis für Kieferorthopädie. Dr. Michael Konik (Foto: Konik). Sie erreichen Dr. Michael Konik in der Gemeinschaftspraxis für Kieferorthopädie.

Medizin-Welt: Hat ein möglichst makelloses Gebiss heute einen höheren Stellenwert als in früheren Jahrzehnten und Jahrhunderten?

Dr. Michael Konik: Zweifelsohne nimmt mit fortschreitenden Möglichkeiten der Medizin allgemein und der Kieferorthopädie im Speziellen der Wunsch sowohl von Erwachsenen als auch von Jugendlichen zu, möglichst makellose Zähne zeigen zu können. Während es noch vor 20 Jahren üblich war, schiefe Zähne zu haben und lediglich ein geringer Prozentsatz der Bevölkerung aufgrund günstiger Veranlagung oder, weil sie bereits damals einen Kieferorthopäden aufgesucht hatten, davon verschont blieb, ist heute ein makelloses Gebiss zumindest in den Altersgruppen bis etwa 30 Jahre in Deutschland und anderen Industrienationen als Standard anzusehen. Bei solch einem hohen Standard fällt dann der Einzelne mit schiefen Zähnen sogleich unvorteilhafter auf als es früher der Fall war.

Zahnkorrekturen sind bis ins hohe Alter möglich

Medizin-Welt: Bis zu welchem Alter kann man Fehlstellungen im Gebiss mit einer Zahnspange korrigieren?

Konik: Zahnbewegungen sind grundsätzlich in jedem Lebensalter möglich. Egal ob mit 20 oder mit 90 Jahren. Selbstverständlich gibt es aber Einschränkungen beispielsweise aufgrund von Zahnentzündungen, Parodontose oder Allgemeinerkrankungen wie insbesondere Stoffwechselerkrankungen. Ich empfehle, für die Diagnose und Therapieempfehlung einen qualifizierten Fachzahnarzt für Kieferorthopädie aufzusuchen und sich ggf. auch eine Zweitmeinung anzuhören.

Im Gegensatz zu den Zähnen kann der Kieferknochen nur bewegt werden, solange noch Wachstum besteht, also etwa bis zum 18. Lebensjahr. Somit gibt es bei Erwachsenen Einschränkungen beispielsweise bei zu weit vorstehenden oder zu weit zurückliegenden Unterkiefern. Hier kann teilweise unterstützend ein operativer Eingriff sinnvoll sein.

Behandlungen bei Erwachsenen gehen oft schneller als bei Kindern

Medizin-Welt: Dauert eine Korrektur von Gebissfehlstellungen im Erwachsenenalter länger als im Kindesalter?

Konik: Zahnbewegungen bei Erwachsenen sind komplizierter als bei Kindern durchzuführen. Das hängt damit zusammen, dass sich die Wachstumsprozesse mit zunehmendem Alter verlangsamen. Weil aber andererseits reine Zahnbewegungen schneller durchzuführen sind als Bewegungen des ganzen Kiefers und letztere bei Erwachsenen aufgrund nicht mehr vorhandenen Wachstums nicht mehr möglich sind, dauern Behandlungen bei Erwachsenen meist weniger lange als bei Kindern. Bei Kindern sind häufig neben Zahnverschiebungen noch Kieferverlagerungen durchzuführen.

Medizin-Welt: Unterscheiden sich Zahnspangen für Erwachsene von denen, die man Kindern verpasst?

Konik: Grundsätzlich kann man Zahnspangen zur Zahnbewegung, die bei Kindern eingesetzt werden, auch bei Erwachsenen einsetzen. Wir achten jedoch insbesondere bei Erwachsenen darauf, dass die Apparaturen möglichst nicht sichtbar sind. Zudem sollten sie beim Sprechen nicht stören. Wir können heute Erwachsene so behandeln, dass niemand in ihrem Umfeld merkt, dass sie eine Spange tragen – bis ihre Zähne perfekt stehen. Bei Erwachsenen verwenden wir beispielsweise von innen aufgebrachte Zahnspangen (Lingualtechnik) oder verschiedene Formen von Alignern, also herausnehmbaren transparenten Schienen. Eines dieser Systeme ist die INVISALIGN-Technik. Wir gehörten in Deutschland schon vor weit über 10 Jahren zu den ersten Anwendern dieser Technik. Jedoch auch bereits in den 1990er Jahren haben wir spezielle Aligner im eigenen Fachlabor gefertigt, so dass wir auch vor der Ära von INVISALIGN praktisch unsichtbare Zahnspangen einsetzen konnten.

Die Apparaturen werden immer kleiner und weniger sichtbar

Medizin-Welt: Wie hat sich die Technik in den zurückliegenden zehn Jahren bei solchen Zahnregulierungen für Erwachsene verändert?

Konik: Die Apparaturen werden immer kleiner und weniger sichtbar. Zudem ermöglicht die Digitalisierung deutlich mehr Präzision und Komfort. So können wir heute die Kiefer und Zähne volldigital – ohne Abformmaterial – abscannen und auf volldigitalen Modellen hergestellte Zahnspangen einsetzen. Zudem können wir mit immer komfortableren und geringeren Kräften Zähne bewegen,  zum Beispiel bei festsitzenden Apparaturen mittels spezieller Titanlegierungen und mittels selbstlegierender Brackets wie z. B. DAMON-Brackets. Außerdem werden die Techniken immer mehr verfeinert und präzisiert. Eine spezielle Methode in diesem Zusammenhang ist beispielsweise die SATO-Technik, die mit speziellen Biegungen feindosierte Kräfte applizieren kann, wenn sie richtig angewendet wird.

Medizin-Welt: Ist die Sichtbarkeit, die Kinder und Jugendliche vielleicht noch cool finden, eine Hemmschwelle für erwachsene Patienten, sich der Behandlung zu unterziehen?

Konik: Die meisten Erwachsenen aber auch immer mehr Jugendliche möchten, dass man die Zahnspange nicht sieht. Daneben sind aber insbesondere auch der Komfort der Behandlung (möglichst wenig Reibung, Druck usw.) und eine möglichst kurze Behandlungsdauer für Erwachsene wichtig. Selbstverständlich fertigen wir aber auf Wunsch für Kinder und Jugendliche Zahnspangen in unserem praxiseigenen Fachlabor in sämtlichen Farben, mit individuellen Motiven, Fußballvereinslogos, dem Patientennamen eingearbeitet usw.

Zahnspangen für Erwachsene verbessern das Aussehen Zahnspangen für Erwachsene verbessern das Aussehen

Zahnspangen sind heute so wenig sichtbar wie eine Kontaktlinse

Medizin-Welt: Wie auffällig sind solche Zahnspangen, die man als Erwachsener tragen muss?

Konik: Wir verwenden heute Zahnspangen, die selbst Ihr Gegenüber, mit dem Sie am selben Tisch sitzen, praktisch nicht sieht. Diese Zahnkorrektur ist optisch so wenig sichtbar wie eine Kontaktlinse zur Sichtkorrektur.

Medizin-Welt: Was kostet eine Zahnregulierung mit der Spange im Erwachsenenalter?

Konik: Diese Frage ist kaum leichter zu beantworten als die Frage, was ein Auto kostet. Die Kosten einer Zahnregulierung hängen von der Ausprägung der Fehlstellung ab. Zudem davon, wie umfangreich und präzise die Diagnostik erfolgt, z. B. mit Funktionsanalyse der Kiefergelenke und der Kaumuskulatur usw., und letztlich von der Art der verwendeten Zahnspange. Letztlich werden grundsätzlich sämtliche kieferorthopädischen Leistungen in Deutschland nach der staatlich verordneten Gebührenordnung für Zahnärzte abgerechnet, die Preise sind somit letztlich staatlich vorgegeben. Als übliche Hausnummer kann man pro Kiefer von etwa 2.000,- Euro bis 5.000,- Euro ausgehen.

Medizin-Welt: Übernehmen die Krankenkassen die Kosten für eine solche Behandlung?

Konik: Kieferorthopädie bei Erwachsenen wird von der gesetzlichen Krankenkasse nur dann gezahlt, wenn diese einen so hohen Schweregrad aufweist, dass neben der Kieferorthopädie kieferchirurgische Kieferverlagerungen durchgeführt werden. Die Erstberatung beim Kieferorthopäden übernimmt aber in aller Regel die gesetzliche Krankenkasse auch bei Fehlstellungen, bei denen später keine Operation erforderlich wird, und das sind die meisten Fälle.

Seit 1970 sind Zahnkorrekturen bei Erwachsenen von fünf auf 25 Prozent aller derartiger Behandlungen angestiegen

Medizin-Welt: Wie viele Menschen (in Deutschland/weltweit) unterziehen sich einer Behandlung im Erwachsenenalter?

Konik: Inzwischen machen Erwachsene ungefähr einen Anteil von 25Prozent der Kieferorthopädie-Behandlungen in Deutschland aus. Im Jahr 1970 lag dieser Anteil dagegen erst bei etwa fünf Prozent. Dabei ist zu berücksichtigen, dass dies lediglich Durchschnittswerte darstellt, denn es gibt spezialisierte Praxen, die auch einen weit höheren Anteil an Erwachsenen behandeln.

Medizin-Welt: Ist eine Zahnregulierung mit Spange für jeden Erwachsenen möglich?

Konik: Grundsätzlich ja, von speziellen Kontraindikationen wie bestimmten Stoffwechselerkrankungen, deutlichem Knochenschwund oder unbehandelter Parodontose abgesehen.

Medizin-Welt: Gibt es verschiedene Behandlungsmethoden?

Konik: Wir unterscheiden zwischen herausnehmbaren und festsitzenden Apparaturen. Bei den herausnehmbaren Apparaturen gibt es sog. „aktive Platten“, bei denen es sich um mit Metallbügeln versehene Kunststoffgeräte handelt. Sie sind weniger für eine Erwachsenen-Behandlung geeignet, beeinträchtigen beim Sprechen und sind meist nicht zu präzisen Einzelzahnbewegungen in der Lage. Zudem gibt es herausnehmbare Behandlungsschienen, wie z. B. INVISALIGN-Schienen, Clear-Aligner, Sheridan-Schienen und viele weitere Systeme. Je nach Indikation können wir für jeden Patienten die am besten geeignete Variante ermitteln.

Die festsitzenden Apparaturen, wie z. B. die sogenannte Multibracket-Apparatur, kann entweder als Stahlbracket, Titanbracket, Goldbracket oder transparentes Bracket auf die Zahnaußenseite aufgeklebt werden oder im Rahmen der Lingualtechnik (z. B. INCOGNITO oder WIN-System) auf der Mundinnenseite der Zähne.

Sämtliche Systeme weisen bestimmte Vorteile und Nachteile auf, über die Betroffene sich vom Kieferorthopäden vor Behandlungsbeginn informieren lassen sollten.

Zahnregulierengen sind nicht nur gesundheitlich notwendig, sondern verbessern auch das Aussehen

Medizin-Welt: Gilt die Zahnregulierung im Erwachsenenalter als kosmetischer Eingriff oder als medizinische Erfordernis?

Konik: Zahnregulierungen sind medizinisch indiziert. Die optimierte Zahnstellung erleichtert die Zahnpflege und sorgt  für weniger Fehlbelastungen der Zähne, wodurch z. B. auch Parodontose, Nackenverspannungen, Tinnitus, Kiefergelenkproblemen usw. vorgebeugt werden kann. Sobald Fehlstellungen, wie z. B. Engstände, Lücken oder Zahndrehungen beseitigt sind und der Biss passt, empfindet auch jeder Nicht-Kieferorthopäde diese Zahnstellung als attraktiv. Insofern bringen solche funktionellen Zahnkorrekturen als Nebenprodukt immer eine verbesserte Ästhetik mit sich. Instinktiv erkennt eben jeder Mensch, was gesund und was nicht gesund ist. So wie auch ein Mensch, der gerade unter einer massiven Erkältung leidet, meist weniger attraktiv aussieht als dies nach Abklingen dieser Erkrankung dann wieder der Fall ist.

Medizin-Welt: Werden Zahnspangen manchmal tatsächlich auch zu Schmuckstücken  aufgepeppt?

Konik: Kindern macht es häufig Spaß, selber die Farbe der Zahnspange aussuchen zu können. Das verbessert zudem auch die Mitarbeit und dadurch das Behandlungsergebnis, ist also mehr als ein reiner Gag. In den USA gibt es z. B. Rapper, die sich auf die Zahnspange sogar Brillanten kleben lassen. Letzteres ist für uns aber kein Thema.

Zahnspangen bei Erwachsenen sind heute schon so selbstverständlich wie der Besuch eines Fitness-Studios

Medizin-Welt: Stimmt es, dass neuerdings die Zahnspange für Erwachsene sogar eine Art Kultstatus  besitzt?

Konik: Nachdem Erwachsene immer mehr Wert auf schöne und gerade Zähne legen, zeigt jeder erwachsene Zahnspangenträger, dass er auf seine Gesundheit achtet. Das ist ähnlich wie der Besuch eines Fitness-Studios, der auch Zeit und Geld kostet, und bei richtiger Durchführung anschließend auch die Gesundheit und das Aussehen verbessert. Weil die gesetzlichen Krankenkassen kieferorthopädische Erwachsenenbehandlungen grundsätzlich nicht bezahlen, ist mancher Patient, der sein eigenes Geld für die Kieferorthopädie ausgibt, stolz darauf, auch anderen zeigen zu können, dass er sich mit dieser Investition etwas Gesundes gönnt, statt das Geld z. B. für Zigaretten auszugeben.

Medizin-Welt: Gibt es prominente Beispiele (in Deutschland/weltweit), die sich mit einer Zahnspange im Erwachsenenalter die Zähne richten lassen?

Konik: Bekannte Promis, wie z. B. Gwen Stefani, Tom Cruise und Drew Barrymore haben sich als Erwachsene mittels Zahnspange behandeln lassen und selber darüber berichtet. Selbstverständlich nenne ich nicht die Namen bekannter Persönlichkeiten, die sich bei uns haben behandeln lassen. Sie können aber sicher sein: Es gibt weit mehr Erwachsene, die sich einer kieferorthopädischen Behandlung unterziehen, als man gemeinhin denkt.

Medizin-Welt: Herr Dr. Konik, haben Sie herzlichen Dank für dieses Gespräch.

Das Interview führte Hans Wagner

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