Mario Gomez und der weiße Bär

Mario Gomez und der weiße Bär

Warum der Stürmerstar in der Nationalmannschaft manchmal nicht trifft, erklärt Sozialpsychologe und Sportexperte Prof. Dr. Henning Plessner im Interview mit der MEDIZIN-WELT. Bei der EM wird sich zeigen, ob Gomez zurückfindet zu der von Plessner geforderten „schlafwandlerischen Sicherheit seiner eingeübten, automatisiert ablaufenden Spielweise“. Oder ob er wieder „den ironischen Effekten der Gedankenunterdrückung“ erliegt, wofür das Beispiel des „weißen Bären“ steht. Plessner bietet tiefe Einblicke in das Innenleben eines Torjägers.

MEDIZIN-WELT: Herr Professor Plessner, warum treffen Fußballspieler nicht, wenn sie nicht treffen? Und zwar vor allem solche, die bewiesen haben, dass sie es doch können, die also schon oft getroffen haben. Wie kann man sich das erklären, dass sie manchmal über eine lange Zeit Ladehemmung haben, wie man so sagt?

Prof. Dr. Henning Plessner: Wir Sportpsychologen fragen uns oft, ob es dieses Phänomen überhaupt wirklich gibt und neigen dazu es zu verneinen. Manchmal liegen die Spieler in Wahrheit nur knapp unter ihrer Normalform. Und dies erscheint dann bei herausragenden Spielern schon als ein Leistungsabfall, der stärker wahrgenommen wird, als er es überhaupt ist. Um zu treffen, genau zu treffen, bedarf es wahrscheinlich der Höchstform, und die kann kein Spieler immerzu haben. Zum Beispiel ein Tor zu schießen in einem Finale der Champions League, das ist einfach eine absolut außergewöhnliche Leistung.

MW: Aber das ist noch keine Erklärung dafür, warum eine Leistung überhaupt abfällt und warum gerade zu diesem oder jenem Zeitpunkt oder für eine bestimmte Zeitdauer. Gib es dafür Erklärungen?

Plessner: Man spricht hier zum Beispiel vom Regressionseffekt. Gemeint ist: Bei einem Topathleten, der auf höchstem Niveau agiert und außergewöhnliche Leistungen erreicht, gibt es einfach sehr viel mehr Varianz nach unten als nach oben. Ein Topspieler kann kaum noch besser werden. Wenn sich an seiner Leistung etwas ändert, dann nach unten. Außerdem lässt sich das Niveau, auf dem Spitzensport stattfindet, nicht ununterbrochen oder über einen längeren Zeitraum konstant halten. Leistung variiert einfach, und zwar um ein mittleres Niveau herum - das wäre die Normalform - mal nach oben, dann wieder nach unten.

“Als wären es zwei verschiedene Spieler“

MW: Das leuchtet ein, sagt aber immer noch nichts darüber, wann der Leistungsabfall oder der Anstieg kommen wird und was ihn auslöst. Manchmal wirken Fußballspieler wie gespaltene Persönlichkeiten. Einmal strotzen sie vor Selbstbewusstsein und machen aus drei Gelegenheiten drei Tore, wie Mario Gomez im Verein. Und dann in der Nationalmannschaft treffen sie nie das Tor, Spiel für Spiel nicht. Ist das dennoch derselbe Spieler?

Plessner: Das wirkt tatsächlich auf den Betrachter als handle es sich um gespaltene Persönlichkeiten oder um zwei verschiedene Spieler. Wenn ich die Frage nach dem Warum restlos beantworten könnte, wäre ich bestimmt schon reich. Aber das ist nicht möglich. Man muss auch daran denken, dass die Physis sich bei Hochleistungssportlern einfach mal erschöpft.

MW: Zugegeben. Aber doch nicht fast ein Jahr lang, wie beispielsweise bei Marek Mintal, der erst Torschützenkönig der Liga war und dann eine ganze Saison nur noch höchst selten traf. Oder bei Gomez eben?

Plessner: Natürlich hat das auch etwas mit dem Kopf zu tun. Gomez ist dafür ein Paradebeispiel. Dieses längere Zeit nicht treffen und dann wieder wie am Fließband einschießen, ist ein echtes Phänomen. Bei Gomez kann es nun wirklich nicht an der Physis liegen, weil er ja fast jedes Wochenende bei seinem Verein VFB Stuttgart getroffen hat und jetzt auch bei Bayern ab und an trifft. Dass dies in der Nationalmannschaft nicht klappt, muss bei ihm eine reine Kopfsache sein, so als stimme irgendwas in seiner Spielerpersönlichkeit nicht überein. Ich kenne ihn nicht persönlich, aber es gibt Untersuchungen zu diesem Phänomen. Es könnte mit Aspekten der Selbstwirksamkeitsüberlegung zu tun haben. Dabei geht es auch um die eigenen Erwartungen, die man an sich selbst stellt. Es geht aber auch darum, wie sehr man zulässt, dass die Außenwelt höchste Erwartungen an einen stellt. Da kann es zu einer Diskrepanz kommen. Einem nicht mehr Übereinstimmen zwischen dem, was man tatsächlich normalerweise zu leisten imstande ist und dem, was von einem erwartet wird.

“Wenn Spieler sich nicht mehr auf ihre Automatismen verlassen“

MW: Das hört sich aufregend an. Dann gibt es ja tatsächlich zwei Seiten einer Spielerpersönlichkeit, die nicht deckungsgleich sind. Ist das eine Erklärung?

Plessner: Eine solche Situation der Diskrepanz kann tatsächlich zu Leistungseinbußen führen. Der Spieler spürt, dass er diese Erwartungen wahrscheinlich nicht erfüllen kann, die man an ihn hat. Der Mechanismus, durch den das geschieht ist der, dass die Leute dann zu sehr über ihre Lage nachdenken, in der sie sich befinden. Sie denken zu viel an den anderen Spieler, den man in ihnen sieht oder sehen will und konzentrieren sich zu wenig auf das, was sie wirklich sind und können. Das nennt man dann auch Lageorientierung, im Unterschied zur Handlungsorientierung. Sie verlassen sich nicht mehr auf ihre Automatismen, auf das, was eingeübt ist, sondern sie verfallen dem Zwang, etwas unbedingt zu wollen und versuchen es deshalb anders zu machen.

MW: Wie sieht das am Beispiel von Mario Gomez aus?

Plessner: Im Normalfall braucht er nicht viel nachzudenken. Gomez steht intuitiv richtig, zieht ab und macht sein Tor. Aber in der Nationalmannschaft sieht er sich quasi mit dem Gomez konfrontiert, der so lange nicht getroffen hat. Er soll jetzt endlich wieder ein Tor schießen. Der Erwartungsdruck steigt praktisch mit jedem Spiel, das er torlos beendet. Da werden die Minuten gezählt, die seit dem letzten Treffer vergangen sind. Das wird ihm andauernd vorgerechnet. Er hört es von allen Seiten. In dieser Lage sieht er sich wahrscheinlich, über sie wird er pausenlos nachdenken, auch wenn er es gar nicht will.

“ Es bewusst anders machen zu wollen als normal, ist bei solchen Spielern das Falsche. Wenn sie an ihrem intuitiven Können zweifeln, führt das bei ihnen fast automatisch zu Fehlern.“

MW: Und wie wirkt sich das dann aus?

Plessner: Der Gomez der Nationalmannschaft will nur noch eins: treffen! Und dafür versucht er eben, sich nicht einfach auf das zu verlassen, was er ist und was er kann, sondern unbedingt etwas anderes zu versuchen. Das haben wir mehrfach beobachtet bei seinen Länderspielen, wo er regelrecht neben sich stand und wie ein anderer wirkte. Beim Länderspiel gegen Liechtenstein hat er mit dieser gewollten, mit dieser aufgesetzten Spielweise auch noch seine Mitspieler verunsichert. Er wirkte fremd, ganz anders als wir und seine Mitspieler ihn kannten. Gomez machte Dinge, die keiner erwarten konnte. Er stand oft woanders, als er eigentlich sollte. Die Pässe kamen dennoch zu ihm, das war ja eingeübt. Und es ging prompt schief. Und wenn er gut stand, dann hat er von sich aus den Ball unverständlicherweise weitergespielt. Es war nicht der Gomez, den man kannte. Er wollte alles anders machen, dabei wäre das Normale genau das Richtige gewesen. Es bewusst anders machen zu wollen als normal, ist bei solchen Spielern das Falsche. Wenn sie an ihrem intuitiven Können zweifeln, führt das bei ihnen fast automatisch zu Fehlern.

MW: Haben die Spieler eine Chance, solchen Versuchungen des Denkens zu entgehen, und eben gerade nicht einer anderen Spielweise zu verfallen als der, die sie im Schlaf beherrschen? Was hilft gegen die falschen Eingebungen des Kopfes?

Plessner: Experimentell ist das schon versucht worden. Eine einschlägige Untersuchung galt zum Beispiel dem Phänomen der „ironischen Effekte der Gedankenunterdrückung“.

“ Wenn man dem Elfmeterschützen sagt, er soll auf keinen Fall auf den Torhüter zielen, dann trifft er ihn bestimmt oder er schießt auf jeden Fall näher an ihn heran, als wenn man diese Aufforderung unterlassen hätte“

MW: Was darf man sich darunter vorstellen?

Plessner: Gemeint sind Versuche, zum Beispiel nicht an einen weißen Bären denken. Wenn man jemand dazu auffordert, dann schafft er das vielleicht mal einen Augenblick lang tatsächlich. In Wirklichkeit denkt er gerade dann pausenlos an einen weißen Bären, was ohne diese Aufforderung gar nicht der Fall gewesen wäre. Dadurch, dass man den weißen Bären unterdrücken will, aktiviert man ihn erst recht. Das sind die ironischen Effekte versuchter Gedankenunterdrückung. Auf den Fußball angewandt heißt das, wenn man dem Elfmeterschützen sagt, er soll auf keinen Fall auf den Torhüter zielen, dann trifft er ihn bestimmt oder er schießt auf jeden Fall näher an ihn heran, als wenn man diese Aufforderung unterlassen hätte. Und im Fall Gomez bedeutet dies, je mehr man versucht, ihm bestimmte Verhaltensweisen ein- oder auszureden, um so mehr macht es bei ihm im Kopf „weißer Bär, weißer Bär“. Der Spieler muss zurückfinden zur schlafwandlerischen Sicherheit seiner eingeübten, automatisiert ablaufenden Spielweise.

MW: Das waren jetzt die Beispiele wie es offenbar nicht geht. Aber wie geht es? Was können Spieler und Trainer tun, um die Leichtigkeit und Treffsicherheit wiederzuerlangen?

Plessner: Wie schon gesagt: Wenn ich es sicher wüsste, wäre ich reich. Mit Drohungen oder mit Druckmitteln geht es jedenfalls nicht. Man versucht, durch so genanntes mentales Training den Kopf frei zu bekommen. Manche Spieler haben eigene Riten, um dahin zu kommen, wo sie wollen. Viele sind abergläubisch und versuchen durch die Farbe der Schuhe, der Haare oder anderer zauberhafter Dinge wie rückwärts auf das Feld laufen, locker zu werden und Zuversicht zu tanken. Der Trainer kann immer wieder ihre bisherigen Leistungen betonen, ihnen sagen, wie gut sie sind, das Können beschwören und ihnen sein Vertrauen spüren lassen, ihr Selbstbewusstsein wieder aufbauen. Und wenn sie dann mal einen Treffer gelandet haben, nimmt dieses Selbstbewusstsein sowieso zu und dann auch die Sicherheit und dann klappt es auch wieder öfter. Das ist der umgekehrte Effekt. Erfolge erhöhen die Selbstwirksamkeit, von der wir gesprochen hatten. Und dann geht das Toreschießen plötzlich wieder fast von allein. Aber ein allgemeingültiges Rezept, wie das zu schaffen ist, gibt es leider nicht.

Zur Person: Prof. Dr. Henning Plessner

Der Leipziger Sozialpsychologe und Sportexperte hat an den Universitäten Braunschweig und Otago (Neuseeland) Sozialpsychologie studiert. 1997 promovierte er zum Dr. phil. an der Technischen Universität Chemnitz-Zwickau. Dissertationsthema: „Der Einfluss von Erwartungen auf soziale Urteile - Der Positionseffekt bei Kampfrichterurteilen im Kunstturnen.“ Er war u. a. Hochschulassistent und Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Heidelberg. 2004 Habilitation an der Fakultät für Verhaltens- und Empirische Kulturwissenschaften der Universität Heidelberg mit dem Thema: „Die Bewertung sportlicher Leistungen als Prozess sozialer Informationsverarbeitung.“ Seit 2008 ist Plessner Professor für Sozialpsychologie und Methodenlehre an der Universität Leipzig.

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