Hautkrebs-Expertin sagt Ihnen, was Sie über diese unheimliche Krankheit wissen müssen

Hautkrebs-Expertin sagt Ihnen, was Sie über diese unheimliche Krankheit wissen müssen

Immer mehr Menschen erkranken an Hautkrebs. Was sind die Ursachen? Wie gefährlich ist die Krankheit wirklich? Was können Ärzte heute zur Heilung unternehmen? Wie muss man sich als Patient verhalten? Welche Überlebenschancen hat man bei dieser gefährlichen Erkrankung?

Im Medizin-Welt-Interview mit Dr. Ricarda Kost erfahren Sie alles, was Sie über die unheimliche Krankheit Hautkrebs wissen müssen. Frau Dr. Kost ist Ärztin in der Dermatologie, Venerologie und Allergologie des St. Josef Hospitals Bochum, Universitätsklinikum der Ruhr-Universität.

Medizin-Welt: Nach neuesten Statistiken kamen im Jahr 2015 in Deutschland insgesamt 100.400 Patienten mit der Diagnose Hautkrebs stationär ins  Krankenhaus – das war ein Anstieg um 17,1 Prozent binnen fünf Jahren. Ist Hautkrebs heute eine Volkskrankheit?

Dr. Ricarda Kost: Das Freizeitverhalten und damit der UV-Einfluss auf die Haut haben sich im Vergleich zu früher dramatisch verändert. Dies liegt zum einen daran, dass durch den höheren Wohlstand Menschen durch Flugreisen immer öfter auch entfernte Urlaubsziele in Sonnenländern erreichen und dass es mehr Urlaubstage gibt als früher. Somit wird unser heller Hauttyp häufiger einem höheren UV-Index ausgesetzt als uns gut tut. Doch auch das Schönheitsideal hat sich über die Jahre verändert, gebräunte Haut wird erst einmal als "gesund" eingestuft, blasse Frauen und Männer werden oft gefragt, ob sie sich krank fühlen.

MW: Wie kommt der Arzt dem Hautkrebs auf die Spur?

Kost: Durch viele Präventionsprogramme, wie z. B. das Hautkrebsscreening kann der Hautkrebs heute früher erkannt werden, dies ist auch eine Begründung für die gestiegenen Zahlen. Wenn man sich das Alter der Erstdiagnose anschaut, stellt man immer häufiger fest, dass nicht nur ältere Generationen, sondern auch schon junge Erwachsene vor dem 30. Lebensjahr sowohl von hellem als auch von schwarzem Hautkrebs betroffen sind.

Wenn man sich das Lebenszeitrisiko im Jahre 1960 für die Entwicklung des schwarzen Hautkrebses anschaut, liest man Daten von 1:600. Aber 50 Jahre später, im Jahr 2010, betrug die Rate 1:75 bis 1:100. Hieran sieht man, dass gerade im Bereich Prävention und Aufklärung auch in Zukunft noch vieles getan werden muss.

Durch Präventionsprogramme wie Hautkrebsscreening kann der Hautkrebs heute früher erkannt werdenDurch Präventionsprogramme wie Hautkrebsscreening kann der Hautkrebs heute früher erkannt werden

Auch die Lokalisation für das Auftreten von Hauttumoren ist entscheidend, es sind immer mehr Stellen betroffen, die in den letzten Jahrzehnten vermehrt der Sonne ausgesetzt wurden. Man weiß heutzutage, dass insbesondere Sonnenbrände in der frühen Kindheit und im jungen Erwachsenenalter entscheidend sind für die Entstehung von Hautkrebs.

MW: Rund ein Viertel der Hautkrebspatienten musste sich wegen eines bösartigen Melanoms behandeln lassen, also dem sogenannten schwarzen Hautkrebs. Mehr als drei Viertel kamen mit der Diagnose weißer Hautkrebs in die Klinik. Kennt man die Gründe für diese starke Zunahme der Hautkrebserkrankungen und der Unterschiede in den Fallzahlen. - Warum gibt es mehr weiße Krebsarten?

Hauptursachen für Hautkrebs in unseren Breitengraden sind UV-Strahlen und ein heller Hauttyp

Kost: Im englischsprachigen Raum wird der helle Hautkrebs (früher als weißer Hautkrebs bezeichnet) mittlerweile als non-melanoma-skin-cancer (NMSC) bezeichnet, um eine klare Abgrenzung und Definition zu schaffen.

Das maligne Melanom, der schwarze Hautkrebs, bezeichnet einen invasiv wachsenden, bösartigen, schnell zur Streuung  d. h. zur Metastasierung neigenden Tumor der Melanozyten der Haut bzw. Schleimhaut. Es ist für mehr als 90Prozent der Todesfälle durch Hautkrebs verantwortlich.

Das Basalzellkarzinom (BCC) ist der häufigste Tumor aus der Gruppe der NMSC, also des hellen Hautkrebses und geht von den Basalzellen aus, welche die letzte Zellschicht der Oberhaut,  der Epidermis, bilden. Es wird ein Zusammenhang mit Stammzellen angenommen, welche an der Haarfollikelbildung beteiligt sind. Dies ist auch eine Begründung dafür, weswegen das BCC im Gegensatz zum Plattenepithelkarzinom nicht an Schleimhäuten auftritt, denn dort wachsen gewöhnlicher Weise keine Haare. Das Risiko für Hellhäutige beträgt aktuell 30 Prozent, im Laufe des Lebens an einem BCC zu erkranken. Die Zahlen für die Bundesrepublik Deutschland werden pro Jahr aktuell mit ein bis zwei Millionen Neudiagnosen beziffert.

Die Ursachen sind multifaktoriell, jedoch spielen UV-Strahlen die größte Rolle. Auch Hellhäutigkeit und berufliche Belastungen, wenn Menschen z. B. mit Arsen in Berührung kommen, aber auch genetische Defekte bzw. eine chronische Immunsuppression können zur Entstehung beitragen. Dieser Tumor, also das Basalzellkarzinom, metastasiert nur in Ausnahmefällen und wird daher als semi-maligne bezeichnet. Dies steht im Gegensatz zum Plattenepithelkarzinom (SCC), welches zu geringen Prozentsätzen streuen kann. Auch das Plattenepithelkarzinom und dessen Vorstufen, die aktinische Keratose und der Morbus Bowen, das Plattenepithelkarzinom in situ, finden sich vorwiegend an lichtexponierten Körperarealen , d. h. im Kopf-Halsbereich, am Handrücken, an oberen Rücken- und Schulterpartien.

Die Hautkrebsentstehung verläuft über Jahre bis Jahrzehnte. Es kommt zu einer Störung des biologischen Gleichgewichts und zu einer Umwandlung der Gene, welche für die Hautbildung entscheidend sind. In unserem Körper gibt es viele "Wächtergene", so genannte Tumorsuppressorgene  wie z. B. das p53, welche darauf achten, dass keine Veränderungen an den Zellen passieren, sodass diese sich nicht in Tumorzellen umwandeln.

Verschiedene Faktoren, wie eben z. B. das UV-Licht, aber auch andere physikalische Reize oder Viren können hier zu Umwandlungen führen und die Krebsentstehung begünstigen.

Therapie des hellen Hautkrebses: Operation oder ggf. Cremes, Gels und Bestrahlungen

MW: Wie geht man heute medizinisch gegen Hautkrebs vor und wie haben sich in den letzten Jahren die Heilungschancen entwickelt?

Kost: Hierbei muss man klar zwischen hellem und schwarzem Hautkrebs unterscheiden. Die Methode der Wahl für beide Formen, sofern keine Streuung vorliegt, ist die Operation. Hierbei wird beim hellen Hautkrebs, bedingt dadurch dass die Lokalisation nicht selten im Gesicht bzw. an sichtbaren Stellen zu finden ist, die mikrographisch kontrollierte Chirurgie bevorzugt. Das bedeutet, dass der Tumor schnittrandkontrolliert entfernt wird und mit Hilfe der Histopathologen und dem Offenhalten des OP-Gebietes nur so viel wie nötig operiert wird, jedoch kein Zellrest zurückbleibt, da man weiß, dass das Auftreten für Rezidive erhöht ist. Des Weiteren existieren zahlreiche andere Behandlungsmethoden zur Behandlung des hellen Hautkrebses, die jedoch Ausnahmefällen vorbehalten sind: verschiedene immunmodulatorische Cremes und Gels, welche die veränderten Zellen in den programmierten Zelltod treiben, die Kryochirurgie und die Photodynamische Therapie. Letztere ist eine Bestrahlungstherapie, die einen künstlichen Sonnenbrand erzeugt und somit nach Auftragen einer Creme, welche die veränderten Zellen für das Rotlicht sensibilisiert, zum Absterben der Krebsvorstufen führt. Jedoch sind diese Therapien der Operation nicht überlegen und sollten daher eher bei Vorstufen des hellen Hautkrebses, z.B. bei aktinischen Keratosen oder bei komplexen Gesamtsituationen zum Einsatz kommen – beispielsweise bei multimorbiden Patienten oder gegebenenfalls zur Größenreduktion vor einer Operation.

Die Therapie des Malignen Melanoms stellt sich aufgrund der höheren Metastasierungstendenz und der erhöhten Mortalität anders dar. Als erstes Ziel sollte auch hier der Tumor komplett operativ entfernt werden, hierbei wird - in Abhängigkeit der Tumordicke - ein Sicherheitsabstand und eventuell  auch eine Wächterlymphknotenbiopsie empfohlen. Zeigt sich hier ein positiver Lymphknotenbefall schließt sich eine Ausräumung des betroffenen Lymphknotengebietes und ggf. auch eine Bestrahlung dieser Region an. Sollte der Tumor bereits gestreut haben bzw. inoperabel  sein, stehen seit einigen Jahren auch  immer mehr Immuntherapien zur Verfügung.

Hierbei wird in die gestörte Signalkaskade der Zellen eingegriffen und somit die körpereigene Immunantwort gestärkt. Es ist also keine Chemotherapie im typischen Sinne. Jährlich kommen hier neue Medikamente auf den Markt, die die Überlebensraten bei diesem immer noch sehr aggressiven Tumor verbessern können.

MW: Hat eigentlich jeder Mensch das gleiche Risiko an Hautkrebs zu  erkranken oder gibt es da Unterschiede?

Kost: Insgesamt zeigt sich, dass hellhäutige Menschen ein höheres Risiko haben, an Hautkrebs zu erkranken. Das Risiko für die Entstehung eines Malignen Melanoms scheint bei Frauen im Vergleich zu Männern leicht erhöht zu sein.

Heller Hautkrebs entsteht häufiger bei chronisch Immunsupprimierten, also Menschen mit einem stark abgeschwächten Immunsystem wie es Organtransplantierte haben oder bei Menschen, die sich durch Arbeiten mit Arsen berufsbedingt Karzinogenen, sprich Krebserregern, aussetzen.

Irgendwann ist unser Sonnenkonto aufgebraucht

MW:  Gut drei Viertel aller Erkrankungen mit Hautkrebs entfallen auf  Menschen über 65 Jahre – wie erklärt man sich das?

Kost: Diese Daten beziehen sich vor allem auf den hellen Hautkrebs. Man weiß, dass über die Jahre des chronischen UV-Kontaktes irgendwann unser "Sonnenkonto" aufgebraucht ist und es zu einer Transformation der Hautzellen in Krebszellen kommt.

MW: Die Sonne mit ihrer UV-Strahlung ist also offenkundig ein sehr großes Problem für unsere Haut und ein enormer Risikofaktor für Hautkrebs. Wird die Sonne unser Todfeind?

Kost: UV-Strahlung wird in der Tat als größter Risikofaktor für die Entstehung von Hautkrebs verstanden. Viele Sonnenbrände, hohes UV-Freizeitverhalten wie Reisen, Sport im Freien, z. B. Segeln, Golf, Tennis, Radfahren, Reiten, Wandern, und vieles mehr, begünstigen Transformationen in unseren Hautzellen zu Krebszellen bzw. deren Vorstufen. Verstärkt wird diese Gefahr noch, wenn das Eincremen mit lichtschutzfaktorhaltigen Sonnencremes unterlassen oder wenn falsch eingecremt wird - zu dünn aufgetragen, zu niedriger Lichtschutzfaktor.

Zudem spielt die Tageszeit eine Rolle. Die Sonne ist zwischen 11 Uhr und 15 Uhr am intensivsten. In dieser Zeit halten wir uns als Touristen am meisten in der direkten Sonne auf. Aber Vorsicht: auch im Schatten kommen 50 Prozent der UV-Strahlen an. Die Südländer machen es mit ihrer Siesta zu dieser Tageszeit deutlich besser, sie ziehen sich in ihre Häuser zurück und schützen sich vor der gefährlichen Sonnenintensität zu dieser Tageszeit.

Ein weiterer Fakt zur Untermauerung der Wichtigkeit der Sonnenkarenz zur Vermeidung von Hautkrebs ist, dass z. B. in Australien, einem Land welches viel mehr Sonnenstunden aufweist als Deutschland und näher am Ozonloch liegt, zwei von drei Menschen im Laufe ihres Lebens an Hautkrebs erkranken.

MW: Die meisten Menschen dürften sich der Sonne freiwillig in  exzessiver Weise vor allem deshalb aussetzen, um braun zu werden. Nun  hat der amerikanische Dermatologe David Fisher ein Verfahren  angestoßen, bei dem die Melanin-Produktion der Haut aktiviert wird, ohne Sonne. Er will dazu den Bräunungsblocker Salt Inducible Kinase, SIK hemmen, der z.B. bei Hellhäutigen das Braunwerden der Haut verhindert. Wie beurteilen Sie diese Versuche?

Viele Sonnenbrände, hohes UV-Freizeitverhalten wie Reisen, Sport im Freien, z. B. Segeln, Golf, Tennis, Radfahren, Reiten, Wandern, und vieles mehr, begünstigen Transformationen in unseren Hautzellen zu Krebszellen bzw. deren Vorstufen.Viele Sonnenbrände, hohes UV-Freizeitverhalten wie Reisen, Sport im Freien, z. B. Segeln, Golf, Tennis, Radfahren, Reiten, Wandern, und vieles mehr, begünstigen Transformationen in unseren Hautzellen zu Krebszellen bzw. deren Vorstufen.

Auch Rauchen kann die Haut für Krebs anfällig machen

Kost: Die Testversuche von Fisher wurden bisher an Mäusen und an Hautzellen im Labor getestet. Er verspricht Hellhäutigen ein Braunwerden ohne Sonne, jedoch im Gegensatz zu den typischen Selbstbräunern ohne den  "Orange-Effekt" auf der Haut, da die Melanin-Produktion angestoßen werden soll.

In Fachkreisen schlägt dieses Prozedere bereits große Wellen. Ein Auftragen dieses Produktes schützt nicht vor DNA-Schäden, welche durch die UV-Strahlung verursacht werden. Es kann auch die künstlich erzeugte Bräune nicht mehr von der UV-induzierten Bräune unterschieden werden, sodass sich die Personen zu lange in der Sonne aufhalten könnten und Sonnenbrände unter dem "Fake-Tan", der gefälschten Bräune verschleiert werden können. Zudem empfiehlt Fisher zwar das gleichzeitige Auftragen von lichtschutzfaktorhaltigen Sonnencremes, doch es ist nicht bekannt, wie viele Personen sich wirklich bei optisch gebräunter Haut noch mit diesen Cremes zusätzlich eincremen werden. Des Weiteren entfalten Sonnencremes nur ihre Wirkung, wenn sie wiederholt aufgetragen werden, die Gefahr des Unterlassens bei durch diese Methode schon vorhandene Hautbräunung ist daher sehr hoch.

MW: Welche Risikofaktoren für Hautkrebs gibt es außer starker Sonneneinstrahlung noch? Kann es auch an Ernährung und Lebenswandel liegen, dass Hautkrebs so sehr zunimmt?

Kost: Neben der Sonne spielen Veranlagung, genetisches Risiko zur Hautkrebsentstehung, Hauttyp und berufliche Exposition mit Karzinogenen, wie z. B. das bereits genannte Arsen eine große Rolle. Auch Viren, z. B. das humane Papillomavirus (HPV), welches auch für Gebärmutterhalskrebs verantwortlich sein kann, können eine Rolle zur Entstehung von hellem Hautkrebs beitragen. Der schwarze Hautkrebs kann in bis zu 30 Prozent der Fälle aus einem bestehenden Muttermal entstehen, zudem ist das Vorhandensein von 100 Muttermalen bei einem Menschen mit einem höheren Melanomrisiko assoziiert. Immunsuppression, sei es durch Medikamente wie zum Beispiel bei den ebenfalls schon angeführten Organtransplantierten oder durch Erkrankungen, die das Immunsystem unterdrücken wie beispielsweise HIV, führt über Jahre ebenfalls zu einem erhöhten Hautkrebsrisiko. Dass Rauchen zur Krebsentstehung führt, ist nicht unbekannt. In der Haut führt Rauchen zum Elastizitätsverlust und zur Hautalterung, der körpereigene Schutz vor UV-Strahlung wird somit früher als durch das Alter bedingt herabgesetzt. Die Kombination aus Rauchen und schädlichem UV-Verhalten wie Solarium, Urlaube im Süden, schädigt die Haut daher umso schneller und begünstigt die Krebsentstehung.

MW: Man geht davon aus, dass im Prinzip alle Krebsarten wesentlich besser einzudämmen oder gar zu heilen sind, je früher sie entdeckt werden. Was bedeutet das für die Hautkrebsarten – wie wichtig ist hier Früherkennung?

Kost: Die Früherkennung ist besonders wichtig und sie ist einfach durchzuführen, mittels regelmäßigen Hautscreenings und einem konsequenten UV-schützenden Freizeitverhalten. Hautkrebspatienten gehören nicht in die Sonne. Insgesamt kann das Risiko mit Auftragen von Sonnencremes mit einem Lichtschutzfaktor (LSF) 50, mit dem Meiden der Mittagssonne von 11-15 Uhr und textilem Lichtschutz wie Hut tragen bei spärlichem Haupthaar, deutlich gesenkt werden.

Frühere Formen können einfacher operiert werden, da sie eine deutlich geringere Größe und Tiefe aufweisen. Zudem gibt es zur Behandlung von Vorstufen von hellem Hautkrebs Cremes und Gele, die bei regelmäßigem Auftragen und Änderungen im Freizeitverhalten, zu einer Minimierung des Risikos für das Krebsrisiko führen.

Neue Diagnoseverfahren mit dem Hautscanner

MW: Gibt es neue Mittel und Wege, die noch nicht so sehr bekannt sind, auf die man aber beim Kampf gegen Hautkrebs Hoffnungen setzen kann?

Kost: Den Goldstandard zur Behandlung stellt weiterhin die Operation dar. Jedoch hat sich gerade im Hinblick auf die Früherkennung des hellen Hautkrebses ein weiteres diagnostisches  -nicht therapeutisches - Werkzeug schon vereinzelt durchgesetzt: die Optische Kohärenztomographie (OCT). Sie ist eigentlich aus der Augenheilkunde bekannt. Bei dem klinischen Verdacht auf hellen Hautkrebs können eine oder mehrere vereinzelte Läsionen an der Haut - kein gesamtes Oberflächenscreening - bzw. deren oberster Hautschicht mittels Laser gescannt und nach veränderten Zellen untersucht werden.

Dies liefert ohne vorher notwendige operative Probengewinnung in über 90 Prozent der Fälle die Erkenntnis, ob eine verdächtige Läsion dem hellen Hautkrebs zuzuordnen ist oder nicht. Ganz wichtig ist hierbei, dass dies reine Diagnostik ist und zurzeit nur von einigen privaten Krankenkassen übernommen wird. Es ersetzt bei Bestätigung des Verdachtes auf hellen Hautkrebs bzw. dessen Vorstufen nicht die Operation. Es dient somit nicht der Behandlung, sondern nur der nicht invasiven Diagnostik. Falls sich der Verdacht bestätigt, sind dennoch die schon genannten Therapien, in erster Linie die Operation. anzuschließen.

MW: Versagt bei Hautkrebspatienten eigentlich von vorneherein das körpereigene Immunsystem oder wird es durch die Krebszellen ausgetrickst?

Kost: Durch die beschriebenen  Auslöser, insbesondere die  UV-Strahlung, kommt es zu einer genetischen Zerstörung, also so genannten DNA-Schäden, welche dann körpereigene Abwehrmechanismen, die im Normalfall die Tumorentstehung unterdrücken, inaktivieren. Das körpereigene Immunsystem kommt somit bedingt durch die zugeführten Schädigungen an seine Grenzen, und die Krebszellentstehung wird begünstigt. Bei jedem Individuum laufen diese Prozesse jedoch zu unterschiedlichen Zeitpunkten, bzw. nach unterschiedlicher Schädigung durch diese Auslöser ab.

Die Antikörper-Behandlung macht große Fortschritte

MW: Welche Chancen sehen Sie in einer Antikörper-Behandlung, mit der die Immunantwort des Körpers gegen die Tumorzellen gesteigert werden  soll – ist das der Durchbruch?

Kost: Zur Behandlung des Malignen Melanoms werden bereits seit 2011 Antikörper eingesetzt, die diesen bei Tumorpatienten gestörten Signalweg innerhalb der Zellen blockieren und somit die körpereigene Tumorabwehr wieder stärken. Vor 2011 gab es sehr wenige Therapieoptionen zur Behandlung des nicht operablen schwarzen Hautkrebses. Es wurde mit Dacarbazin ein Chemotherapeutikum mit wenig großem Erfolg eingesetzt. Durch diese neuen Antikörper konnten die Daten für das Ein-Jahresüberleben deutlich gesteigert werden. Mit Dacarbazin lag es unter30 Prozent, bei der Immuntherapie werden 60Prozent erreicht. Mit Immunkombitherapie - also der Gabe von 2 Immuntherapeutika - erreichen wir sogar 80Prozent. Liegt bei den Betroffenen eine Mutation in einem bestimmten Gen vor, eine so genannte BRAF-V600E-Mutation - existieren noch weitere Therapiemöglichkeiten, im Sinne einer zielgerichteten Therapie. Diese Therapie wird im Gegensatz zu den Immuntherapien nicht als Infusion in verschiedenen wöchentlichen Abständen verabreicht, sondern als Tablette in täglicher Dosierung.

Jedoch können all diese neuen Therapien auch mit großen und teils schwerwiegenden Nebenwirkungen, z. B. bis hin zum Leberversagen oder intensivpflichtigen Darmblutungen verbunden sein. Des Weiteren sprechen leider nicht alle Patienten auf diese Therapien an und erleiden während der Behandlung eine Verschlechterung ihrer Tumorerkrankung. Daher sind weitere Studien bzw. Forschungsarbeiten notwendig, um noch weitere therapeutische Ansätze zur Behandlung dieses aggressiv-wachsenden Tumors zu finden.

Die Fälle von Hautkrebs können weiter steigen

MW:  Wie ist Ihre Prognose, werden die Hautkrebsraten weiter steigen?

Kost: Bedingt dadurch, dass unsere Lebenserwartung weiter steigt, wird konsequenterweise unsere Haut auch immer mehr der Sonne ausgesetzt werden und steht somit in direktem Risikokontakt. Screenings werden mittlerweile auch von geschulten Hausärzten durchgeführt, jedoch nicht von allen wahrgenommen. Solarienbesuche sind zwar erst ab 18 Jahren zugelassen, jedoch werden die Besucher hier einer maximalen UV-Belastung ausgesetzt, nämlich UV-Index 12, das entspricht einer Sonneneinstrahlung um 12 Uhr mittags am
Äquator!.

Hüte oder Kappen als Sonnenschutz werden gerade bei älteren Herren mit wenig Haupthaar nur in Ausnahmefällen aufgesetzt. Zudem wird vergessen, dass die Sonne, egal zu welcher Jahreszeit, Gefahren birgt. Somit wird an sonnigen Tagen mit niedrigeren Temperaturen oder z. B. beim Skifahren oder auf dem Wasser auf Sonnenschutz häufig verzichtet, da die Hitze nicht bemerkt wird.

Wenn Sonnencreme aufgetragen wird, wird dieses meist nicht häufig genug wiederholt, bzw. es werden zu niedrigere LSF verwendet. Das ist aber wichtig, denn der Lichtschutzfaktor verlängert die Zeit des Hauteigenschutzes, welcher vom Hauttyp abhängig ist. Dies bedeutet im Gegensatz zur häufig in der Bevölkerung verbreiteten Ansicht nicht, dass man mit Cremes, die einen höheren LSF haben, weniger bräunt. Die Haut wird einfach länger geschützt. Denn Bräunung der Haut ist immer eine innere Schutzfunktion gegenüber der Sonnenstrahlung. Zu wünschen wäre aber, dass durch die öffentliche Steigerung des Gesundheitsbewusstseins der Hautkrebs, selbst wenn die Zahlen in Zukunft wahrscheinlich weiter steigen werden, früher erkannt wird und somit invasive Formen in höheren Prozentsätzen vermieden werden können.

Es gibt auch Medikamente aus Naturstoffen gegen hellen Hautkrebs

MW: Wir leben ja in einer Zeit, in der viele Menschen rein emotional sehr stark auf die Natur setzen, und der Pharmaindustrie misstrauen, wenn es um ihre Gesundheit geht. Gibt es Naturheilmittel gegen Hautkrebs, die Sie empfehlen würden, zum Beispiel das aus der Wolfsmilch gewonnene Ingenol?

Kost: Ingenolmebutat wird zur Behandlung von hellem Hautkrebs, insbesondere bei den Frühformen eingesetzt, welche nicht zu tief wachsen und flächig z. B. an der Stirn oder am haarlosen Kopf bei Männern höheren Alters auftreten. Dies kann immunmodulatorisch zu einem Absterben der veränderten und geschädigten Hautzellen führen. Auch Extrakte aus Grüntee können auf diese Art und Weise das Voranschreiten von hellen Hautkrebsvorstufen verzögern.

MW: Können Sie - eine in der Dermatologie tätige Ärztin -  sich vorstellen, selbst an einem Tumor  der Haut zu erkranken? Wie würden Sie sich verhalten, wenn Sie eine solche Diagnose gestellt bekämen?

Kost: Natürlich fahre auch ich in den Sommerurlaub bzw. Skiurlaub und bin der Sonne ausgesetzt. Sonnencreme war und ist jedoch immer im Gepäck und täglicher Begleiter. Da ich aus einer Generation komme, in der es schon Sonnencremes mit höheren LSF und UV-schützende Kleidung gab, wurde von meinen Eltern bereits früh auf das Vermeiden von Sonnenbränden in der Kindheit geachtet. Generell halte ich mich jedoch lieber im Schatten auf, manchmal lässt sich der Sonnenkontakt jedoch nicht vermeiden. Prävention mit LSF 50-haltigen Sonnencremes und LSF-haltigen Tagescremes, welche ich täglich auftrage, beugen somit nicht nur dem Hautkrebsrisiko, sondern auch der frühzeitigen Faltenentstehung vor – egal zu welcher Jahreszeit. Zudem lasse ich meine Haut jährlich von einem Kollegen im Rahmen eines Ganzkörperscreenings untersuchen.

Bei der Diagnose Hautkrebs wäre ich – wie alle Betroffenen -  sicher geschockt und würde mein UV-Verhalten nochmal genauer hinterfragen. Es existieren jedoch auch in geringen Prozentzahlen Fälle, bei denen die Entstehung nicht auf UV-Abusus zurückzuführen ist. Natürlich ist hier von bedeutender Evidenz, welche Form des Hautkrebses vorliegt und in welchem Stadium, sodass eine Pauschalantwort schwer fällt. Ich würde jedenfalls  leitliniengerecht die entsprechende Therapie durchführen und mich ganz engmaschig zu den Kontrollen bei einem Kollegen einfinden und auch bei meinen Angehörigen engmaschige Screenings durchführen.

MW: Frau Dr. Kost, haben Sie herzlichen Dank für dieses Gespräch.

Dr. Ricarda Kost im Interview zu HautkrebsZur Person: Ricarda Kost
Dr. med. Ricarda Kost, 31, studierte und promovierte an der Ruhr-Universität in Bochum mit Auslandsstudium in Adelaide, Australien. Seit 2014 ist sie Ärztin in der Dermatologie, Venerologie und Allergologie des St. Josef Hospitals in Bochum, Universitätsklinikum der Ruhr-Universität unter der Leitung von Prof. Dr. Eggert  Stockfleth. Ihr aktueller Tätigkeitsschwerpunkt: Ärztin in der dermatologischen Ambulanz und Ärztin der Transplantationssprechstunde.

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