Der Entdecker des Impfstoffes gegen Gebärmutterhalskrebs fordert: „Impfung für alle, auch die Jungs“

Endlich gibt es mit GARDASIL einen Impfstoff gegen den gefürchteten Gebärmutterhalskrebs. Seit kurzem ist das verschreibungspflichtige Präparat auf dem Markt. Die Impfung muss vor dem ersten Geschlechtsverkehr stattfinden. Der Impfstoff wirkt auch gegen Mundhöhlen- und Analkrebs. Rund 470 Euro kostet die Dreifachimpfung, die mindestens zehn Jahre wirkt. Wegen der Übertragung beim Sex fordert Impfstoff-Entdecker zur Hausen auch die Jungen zu impfen.

MEDIZIN-WELT: Herr Prof. zur Hausen, vor kurzem ist bekannt geworden, dass in Deutschland ein Impfstoff gegen Gebärmutterhalskrebs zugelassen wurde und in den Apotheken bereits zu haben ist. Ist das der Durchbruch in der Krebsvorbeugung?

Prof. Harald zur Hausen: Der Impfstoff ist in der Tat seit kurzem bei uns zugelassen und auch verfügbar, außerdem auch in einer Reihe weiterer Länder wie zum Beispiel in den USA, in Mexiko, in Australien. Die Impfung ist tatsächlich ein Durchbruch für die Krebsvorbeugung. Denn neben dem Hepatitis-B-Impfstoff ist das bislang der einzige Impfstoff, der gegen spezifische Krebserkrankungen zur Verfügung steht. Er ist auch der einzige Impfstoff, der von vorneherein gegen spezielle Krebserkrankungen gezielt entwickelt wurde.

„Wir haben Jahrzehnte an der Entwicklung dieses Stoffes zur Impfung gegen Gebärmutterhalskrebs gearbeitet.“

MW: Weshalb können die Hauptverursacher des Gebärmutterhalskrebses, die Papillomviren, plötzlich erfolgreich bekämpft werden, während dies bislang unmöglich schien?

Zur Hausen: So plötzlich ist das natürlich nicht der Fall gewesen. Wir haben Jahrzehnte dafür gearbeitet Es war eine langfristige klinische Vortestung des Impfstoffes nötig. Dabei hat sich herausgestellt, dass es bei diesen Viren tatsächlich relativ gut möglich ist, vorbeugend zu impfen. Aber es hat in der Tat auch aus meiner Sicht sehr lange gedauert, bis dieser Impfstoff auf den Markt gekommen ist. Und nun bin ich natürlich froh, dass es endlich soweit ist.

MW: Wie lange hat die Entwicklung des Impfstoffes insgesamt gedauert?

Zur Hausen: Wir haben im Jahr 1972 begonnen über Papillomviren zu arbeiten, also vor 34 Jahren. Am Anfang stand die Frage, ob Papillomviren etwas mit Gebärmutterhalskrebs zu tun haben. 1983 und 1984 haben wir dann die entsprechenden Typen isolieren und charakterisieren können. Und zwar die, die jetzt auch in den Impfstoffen vorhanden sind und die die Hauptursache für eine Erkrankung an Gebärmutterhalskrebs darstellen. Das hat uns mehr als zehn Jahre gekostet, bis wir das geschafft hatten. Es war ein wirklich schwieriges Problem, weil diese Virentypen nicht in den üblichen Gewebekulturen wachsen.

Hoffnung für hunderttausend Frauen, die pro Jahr in Deutschland erkranken

MW: Aber jetzt scheint sich Ihre Arbeit ja doch gelohnt zu haben. Wie viele Frauen in Deutschland erkranken pro Jahr an Gebärmutterhalskrebs und wie ist bislang die Sterberate?

Zur Hausen: In Deutschland erkranken pro Jahr mehr als sechstausend Frauen an Gebärmutterhalskrebs. Zweitausend sterben an diesem Krebs. Das ist eine viel zu hohe Rate. Und wenn man sich vor Augen hält, in welchem Umfang die Vorstufen des Gebärmutterhalskrebses behandelt werden, die ja auch Eingriffe erfordern, wenn man eine hochgradige Dysplasie, eine veränderte Gewebestruktur feststellt, dann ist die Zahl ungleich höher. Es gibt Schätzungen, dass es sich insgesamt um etwa 100.000 Fälle von hochgradigen Dysplasien Gebärmutterhalskrebs und seinen Vorstufen pro Jahr in Deutschland handelt.

MW: Also zusammen mit jenen Frauen, die bereits eine Vorstufe des Gebärmutterhalskrebses haben, aber operativ behandelt werden?

Zur Hausen: Ja, die durch einen chirurgischen Eingriff behandelt werden.

MW: Wie viele können künftig durch eine vorbeugende Impfung dem Schicksal Gebärmutterhalskrebs und der Operation entgehen?

Zur Hausen: Nach den uns vorliegenden Daten 70 bis 80 Prozent. Insgesamt sind rund 15 Virentypen an der Entstehung von Gebärmutterhalskrebs beteiligt. Die Hauptverursacher sind die Typen 16 und 18. Der Typ 16 ist zu 50 Prozent beteiligt, der Typ 18 zu rund 20 Prozent. Wie hoch der Prozentsatz des Schutzes letztendlich wirklich ist, hängt davon ab, inwieweit beim Schutz eine Kreuzreaktion mit anderen Typen von Viren möglich ist. Das ist ein ziemlich spezifisches Problem, weil wir eben mehr als einen verursachenden Virentyp haben. Es liegen Daten vor, dass mit der Impfung zum Beispiel auch vor den Hochrisikotypen 31 und 45 geschützt werden kann. Wenn das der Fall ist, liegt der Schutz bei rund 80 Prozent.

Der Impfstoffhersteller verspricht einen nahezu hundertprozentigen Schutz

MW: In den Veröffentlichungen der Hersteller ist bei einer Impfung von einem nahezu hundertprozentigen Schutz die Rede – ist eine solche Behauptung berechtigt?

Zur Hausen: Soweit es sich um völlig uninfizierte Personen handelt, ist das real. Wenn allerdings bei den Patientinnen bereits Infektionen vorliegen, dann ist die Situation ungünstiger, dann ist der Schutz nur vor solchen Typen gegeben, durch die noch keine Infektion verursacht wurde. Der Impfstoff enthält einen Schutz vor den Genitalwarzen 6 und 11 und vor den genannten Viren-Typen 16 und 18. Wenn also eine Infektion mit dem Typ 16 bereits vorliegt, kann immer noch vor 6, 11 und 18 geschützt werden, aber nicht mehr vor 16. Alle diese Typen wurden übrigens von unserer Arbeitsgruppe isoliert und zu Forschungszwecken weltweit verteilt.

Die Impfung muss vor dem ersten Geschlechtsverkehr erfolgen

MW: Ein toller Erfolg! Doch nun zur entscheidenden Frage: Wann sollte geimpft werden und wie funktioniert eine solche Impfung?

Zur Hausen: Es sollte natürlich vor dem Einsetzen der ersten sexuellen Aktivität geimpft werden, solange noch keine Infektion möglich war. Die medizinische Empfehlung lautet, Mädchen im Alter zwischen neun und 15 Jahren zu impfen. Leider werden in solchen Empfehlungen die Jungen ausgenommen. Das ist sicher ein Fehler. Ich kann keinen Grund erkennen, warum nicht Jungen ebenfalls geimpft werden sollten. Da die Übertragung der Viren im wesentlichen durch den Sexualkontakt zustande kommt, wäre es besonders wichtig, dass beide Geschlechter geimpft sind. Aber natürlich ist das eben eine Kostenfrage.

„Die Wahrscheinlichkeit dass ein geimpfter Junge das krebsauslösende Virus übertragen könnte, ist wirklich extrem gering.“

MW: Was würde das bedeuten, wenn beide Geschlechter geimpft wären – könnte dann der Junge das Virus auch nicht mehr übertragen?

Zur Hausen: Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Junge dann noch das Virus übertragen könnte, ist wirklich extrem gering.

MW: Mit welchen Nebenwirkungen ist bei einer Impfung zu rechnen?

Zur Hausen: Es sind weltweit inzwischen rund 50.000 Frauen geimpft worden. Ernsthafte Nebenwirkungen sind dabei nicht beobachtet worden. Man hat nur gelegentlich leichte Rötungen an der Einstichstelle beobachtet. Also keine ernsthafte Symptomatik.

Hilfe für Frauen, deren Immunsystem die Krebsviren nicht eliminieren kann

MW: Warum verursachen die Viren nur bei einer Minderheit von Frauen Gebärmutterhalskrebs, obwohl bis zu siebzig Prozent von solchen Viren befallen sein sollen?

Zur Hausen: Das liegt daran, dass die meisten Frauen durch ihr Immunsystem in der Lage sind, die Viren zu eliminieren. Zehn Prozent der Frauen weisen aber zwei Jahre nach der Erstinfektion noch immer das Virus auf. Und diese Frauen sind es, die das Risiko tragen, später Gebärmutterhalskrebs zu bekommen. Bei ihnen erkennt das Abwehrsystem die Viren und die sich daraus entwickelnden Krebszellen nicht.

MW: Das heißt, die Impfung schützt genau diejenigen, die sich selbst nicht schützen können, weil ihr Abwehrsystem dazu nicht in der Lage ist?

Zur Hausen: Das trifft zu, wenn die Impfung vor einer Erstinfektion kommt. Wenn die Infektion passiert ist, dann sitzt das Virus in der Zelle und kann vom Immunsystem kaum mehr erkannt werden.

Auch Vulva, Mundhöhle und After sind durch Impfung vor den Krebsviren geschützt

MW: Warum wird ausgerechnet der Gebärmutterhals von diesen Viren befallen - können die auch in anderen Teilen des Organismus Krebs verursachen?

Zur Hausen: Es kann der gesamte Genitalbereich davon befallen werden. Scheidenkrebs kann dadurch entstehen, Peniskrebs, der allerdings extrem selten ist, der Analkrebs wird überwiegend und der Mundhöhlenkrebs immerhin zu einem Viertel durch diese Viren verursacht.

MW: Bildet die Impfung gegen Gebärmutterhalskrebs dagegen auch einen Schutz?

Zur Hausen: Ja, natürlich, sie schützt auch vor den genannten anderen Krebsarten, indem sie vor einer Infektion durch Papillomviren schützt. Es liegt nahe, dass der Impfschutz auch die gesamte Vulva und die Mundhöhle etc. vor einem durch diese Viren verursachten Krebs schützen kann.

MW: Wenn es nicht nur der Gebärmutterhals ist, läge dann eine Impfung der Jungen vor Eintritt sexueller Aktivität nicht erst recht nahe?

Zur Hausen: Die Krankenkassen warten auf die Empfehlung der ständigen Impfkommission beim Robert-Koch-Institut in Berlin. Sie wird im Dezember zusammentreten. Wenn ihre Empfehlung entsprechend ausfällt, könnte zumindest eine Übernahme der Kosten für Mädchen möglich werden. Eine Einbeziehung der Jungen mit Kostenübernahme erscheint mir unwahrscheinlich. Freiwillig und bei privater Übernahme der Kosten ist ja ein Impfschutz in jedem Fall möglich.

Der Hausarzt kann Schutzimpfung gegen Gebärmutterhalskrebs durchführen

MW: Wie ist eigentlich der Stand der Entwicklung bei der Krebsimpfung überhaupt?

Zur Hausen: Es gibt die Impfung gegen das Hepatitis-B-Virus. Sie wurde ursprünglich entwickelt gegen die Infektionsfolgen von Hepatitis B, nicht gegen Leberkrebs, aber es hat sich später herausgestellt, dass das Virus auch am Leberkrebs beteiligt ist, und es zeigt sich heute, dass eine Impfung auch einen Schutzeffekt gegen Leberkrebs hat. Bei anderen Virusinfektionen, die mit Krebs in Verbindung stehen, ist es schwieriger. Viele der dadurch verursachten Tumoren sind seltener, so dass die Industrie kaum Interesse hat, entsprechende teure Impfstoffe zu entwickeln.

MW: Ist der Impfstoff gegen den Gebärmutterhalskrebs verschreibungspflichtig und wer führt die Impfung durch?

Zur Hausen: Ich gehe davon aus, dass er verschreibungspflichtig ist. Das Präparat heißt Gardasil. Es ist gegen Rezept erhältlich und die Impfung kann vom Hausarzt durchgeführt werden. Insgesamt sind drei Impfungen erforderlich. Die Erstimpfung, eine weitere im Abstand von zwei und die letzte nach sechs Monaten. Ein weiterer Impfstoff mit sehr ähnlicher Wirkung wird im kommenden Jahr auf den Markt kommen.

MW: Herr Professor, haben Sie herzlichen Dank für das Gespräch.

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